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Arbeitsmedizinische Vorsorge bei physischer Belastung

Nutzen Sie das Angebot der arbeitsmedizinischen Vorsorge!

Beschäftigte haben das Recht auf arbeitsmedizinische Angebotsvorsorge, wenn sie bei ihrer Arbeit hoher physischer Belastung ausgesetzt sind. Informationen zu den Regelungen, zum Verfahren und zum genauen Ablauf haben wir hier für Sie zusammengestellt.

Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) zählen zu den wichtigsten Krankheitsgruppen und haben einen bedeutsamen Anteil am Arbeitsunfähigkeitsgeschehen. Zwar treten MSE häufig auf und haben verschiedenste Ursachen. Aber unbestritten ist, dass berufstypische Belastungen, motorische Anforderungen und physikalische Einwirkungen eine große Rolle bei der Entstehung dieser Krankheiten spielen. Angesprochen sind hier zum Beispiel repetitive manuelle Arbeitsprozesse, Arbeiten in Zwangshaltungen und/oder mit erhöhten Kraftanstrengungen, das Heben und Tragen schwerer Lasten oder auch das Arbeiten unter Einwirkung von mechanischen Schwingungen.

Eine erfolgreiche Prävention dieser Erkrankungen gewinnt auch mit Blick auf die älter werdenden Belegschaften an Bedeutung und muss bei der Verringerung der arbeitsbedingten Ursachen ansetzen. Ein wichtiges Instrument ist dabei die gesetzlich vorgeschriebene arbeitsmedizinische Vorsorge bei physischen Belastungen, um die es hier geht.

Bei welchen körperlichen Fehlbelastungen wird Beschäftigten arbeitsmedizinische Vorsorge angeboten?

Arbeitnehmer haben nach der Verordnung zur Arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) das Recht auf Beratung und Untersuchung. Verbindlich ist danach eine Angebotsvorsorge für Tätigkeiten mit wesentlich erhöhten körperlichen Belastungen, die mit Gesundheitsgefährdungen für das Muskel-Skelett-System verbunden sind durch:

  1. Lastenhandhabung beim Heben, Halten, Tragen, Ziehen oder Schieben von Lasten,
  2. repetitive manuelle Tätigkeiten oder
  3. Arbeiten in erzwungenen Körperhaltungen im Knien, in langdauerndem Rumpfbeugen oder -drehen oder in vergleichbaren Zwangshaltungen

Wer bietet die arbeitsmedizinische Vorsorge an?

Angebotsvorsorge bedeutet, dass der Arbeitgeber Beschäftigte über die körperlichen Belastungen am Arbeitsplatz informieren muss und die arbeitsmedizinische Vorsorge in regelmäßigen Abständen (aktiv) anbieten muss. Die Beschäftigen können dieses Vorsorgeangebot wahrnehmen, sind aber nicht dazu verpflichtet.

Bekommt jeder Beschäftigte, der körperliche Belastungen hat, diese arbeitsmedizinische Vorsorge angeboten?

Nein, der Arbeitgeber muss die arbeitsmedizinische Vorsorge nur anbieten, wenn die Arbeit mit "wesentlich erhöhten" körperlichen Belastungen verbunden ist. Die Arbeitsmedizinische Regel (AMR) AMR 13.2 definiert diesen Begriff. Wesentlich erhöhte körperliche Belastungen sind regelmäßig oder dauerhaft am Arbeitsplatz wiederkehrende Belastungen, die zu einer Überbeanspruchung mit der Folge von Beschwerden, Funktionsstörungen oder Schädigungen insbesondere am Muskel-Skelett-System führen können. Die AMR 13.2 nennt für die einzelnen Belastungsarten konkrete Werte:

  • Für die Belastungsarten "Heben, Halten und Tragen", "Ziehen und Schieben" sowie "Manuelle Arbeit" ist arbeitsmedizinische Vorsorge anzubieten, wenn mit den entsprechenden Leitmerkmalmethoden zumindest eine wesentlich erhöhte Belastung nachgewiesen wurde. Dies sind Belastungen mit einer Gesamtpunktsumme von 25 oder mehr.
  • Bei Arbeiten in Rumpfbeugehaltungen, Knien oder Arbeiten über Schulterniveau ist arbeitsmedizinische Vorsorge anzubieten, wenn die Belastung länger als eine Stunde pro Schicht dauert.
  • Bei erzwungenen Sitzhaltungen ist arbeitsmedizinische Vorsorge bei einer Belastungsdauer ab 2 Stunden und bei dauerhaftem Stehen (jeweils ohne wirksame Bewegungsmöglichkeiten) ab vier Stunden pro Schicht anzubieten.

Was ist, wenn man körperlicher Belastung ausgesetzt ist, diese Grenzen aber nicht überschritten werden?

In diesem Fall kann sich jeder Beschäftigte auf eigenen Wunsch arbeitsmedizinisch beraten lassen. Über diese sogenannte Wunschvorsorge (§11 ArbSchG bzw. §5a ArbMedVV) muss der Arbeitgeber den Beschäftigten aber nicht aktiv informieren.

Wer führt die arbeitsmedizinische Vorsorge durch?

Die arbeitsmedizinische Vorsorge wird von der Betriebsärztin bzw. dem Betriebsarzt durchgeführt.

Welches Ziel hat die arbeitsmedizinische Vorsorge bei physischen Fehlbelastungen?

Im Rahmen der Vorsorge werden in erster Linie die Beschäftigten beraten. Die Vorsorge hat das Ziel, arbeitsbedingte Erkrankungen einschließlich Berufskrankheiten, die durch Belastungen des Muskel-Skelett-Systems entstehen können, frühzeitig zu erkennen und zu verhüten.

Die Vorsorge zielt auch auf Erkrankungen, die durch außerberufliche Faktoren, Bedingungen und Einflüsse entstehen können und die durch berufliche Fehl- und Überlastungen verstärkt werden beziehungsweise frühzeitiger und häufiger auftreten.

Die Erkenntnisse, die der Betriebsarzt aus den Beratungen (und gegebenenfalls aus den Untersuchungen) der Beschäftigten gewinnt, dienen in allgemeiner Form auch der Gefährdungsbeurteilung sowie für sonstige Maßnahmen des Arbeitsschutzes im Betrieb und zur Fortentwicklung des betrieblichen Gesundheitsschutzes. Das Arztgeheimnis wird in jedem Fall gewahrt. Die Ärztin bzw. der Arzt darf nur mit Einverständnis der bzw. des Beschäftigten Befunde und Informationen aus der Vorsorge an den Arbeitgeber weitergeben.

Das Vorsorgeangebot ist keine Eignungsbeurteilung oder Tauglichkeitsuntersuchung und darf auch nicht mit solchen verbunden werden!

Gibt es einen Standard, nach dem der Betriebsarzt die Angebotsvorsorge durchführt?

Ja, der medizinische Standard für die Durchführung der arbeitsmedizinischen Vorsorge ist der sogenannte Berufsgenossenschaftliche Grundsatz G 46 "Belastungen des Muskel- und Skelettsystems". Dieser umfasst eine ausführliche Anamnese, also die Erfassung der Krankengeschichte und Befindlichkeit des Beschäftigten im Gespräch, eine Untersuchung des Muskel-Skelett-Systems und eine Beratung.

Sie finden den Berufsgenossenschaftlichen Grundsatz G 46 sowie weitere Literaturhinweise weiter unten in der Rubrik "Publikationen und Dokumente".

Wie oft muss der Arbeitgeber die arbeitsmedizinische Vorsorge bei physischen Belastungen anbieten?

Die Arbeitsmedizinische Regel AMR 2.1 regelt die Fristen für das Angebot arbeitsmedizinischer Vorsorge.

  • Erste Vorsorge: innerhalb von 3 Monaten vor Aufnahme der Tätigkeit
  • Zweite Vorsorge: spätestens 12 Monate nach Tätigkeitsaufnahme
  • Weitere Vorsorgen: spätestens nach 36 Monaten

Der Betriebsarzt kann abhängig von der Gesundheit des Beschäftigten oder den Arbeitsplatzverhältnissen oder anderen Aspekten auch kürzere Fristen für die weitere Vorsorgetermine empfehlen

Was bringt mir als Beschäftigte/n eine arbeitsmedizinische Vorsorge bei physischen Belastungen?

Der Betriebsarzt kann den Beschäftigten unter Berücksichtigung der individuellen Belastung am Arbeitsplatz und den Ergebnissen der individuellen Gesundheitssituation zu folgenden Aspekten beraten:

  • Dokumentation, Diagnostik und Beratung zur Prognose von Beschwerden und Erkrankungen und ggf. deren Arbeitsbedingtheit (ggf. bei begründetem Verdacht Beratung zum Vorliegen von Berufskrankheiten)
  • Gegebenenfalls Hinweise zur Notwendigkeit vertiefender fachärztlicher Diagnostik und Behandlung (auch zu nicht arbeitsbedingten Erkrankungen, z.B. einer arteriellen Hypertonie)
  • Individuelle Beratung zur Arbeitsplatzgestaltung und Arbeitsorganisation
  • Vorschlag von individuellen Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz
  • Gegebenenfalls Vorschlag eines Arbeitsplatzwechsels (Dies darf nur mit Zustimmung des Beschäftigten dem Arbeitgeber mitgeteilt werden)
  • Hinweise und Vermittlung von individuellen Angeboten der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) oder Präventionsmaßnahmen der gesetzlichen Krankenkassen, z.B. Beratung zu Freizeitsport, Ernährungsberatung, Fitnessangebote und anderen Präventionsangebote
  • Beratung und Unterstützung bei beruflichen Reha-Maßnahmen
  • Individuelle Information und Unterstützung beim Eingliederungsmanagement (BEM) nach Erkrankungen
  • U.a.

Welche Ergebnisse kann der Arbeitgeber als Ergebnis des Vorsorgeangebots erwarten?

Der Betriebsarzt hat nach ArbMedVV die Erkenntnisse der arbeitsmedizinischen Vorsorge in zusammengefasster (aggregierter) Form auszuwerten und auf dieser Grundlage den Arbeitgeber zu beraten. Solche aggregierten Ergebnisse sind zum Beispiel:

  • die Häufigkeit von Erkrankungsfällen (Unfälle, Erkrankungen),
  • die Prävalenz an Beschwerden (zum Beispiel Jahresprävalenz LWS-Beschwerden),
  • die Inzidenz (Rate des Neuauftretens) von Erkrankungsereignissen,
  • Veränderungen der Prävalenz und Inzidenz von Erkrankungsereignissen und Beschwerden im Zeitverlauf z. B. im Zusammenhang mit Veränderungen in Technologie, Organisation, Personalstruktur usw. am besten im Vergleich zu nichtexponierten Beschäftigten.

Die Beratung des Arbeitgebers durch den Betriebsarzt auf Grundlage der Vorsorgeangebote kann sich dann auf folgende Aspekte beziehen:

  • Hinweise zur Arbeitsplatzgestaltung unter Beachtung des TOP-Prinzips (Technische Maßnahmen, organisatorische Maßnahmen, personenbezogene Maßnahmen)
  • Hinweise zur Arbeitsplatzorganisation (Personaleinsatz, Arbeitsintensität/-menge, Erholzeiten/Pausen, Unterweisung/Instruktion)
  • Beteiligung an der Arbeitsplatzbewertung (z. B. mit Leitmerkmalmethode, Befragungen)
  • Mitarbeiterschulungen ("Rückengerechter Patiententransfer")
  • Beratung zur Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) (Sportangebote, Ernährungsberatung u.a., Umsetzung der diversen Präventionsangebote der gesetzlichen Krankenversicherungen und Rentenversicherungen nach Präventionsgesetz)
  • Unterstützung bei beruflichen Rehabilitationsmaßnahmen (zum Beispiel Reha-Bau)
  • Unterstützung beim Eingliederungsmanagement (BEM)
  • Umsetzung von Präventionskampagnen (zum Beispiel www.gdabewegt.de)

Zum Thema

Ausschuss für Arbeitsmedizin (AfAMed)

Der AfAMed entwickelt und betreut die Arbeitsmedizinischen Regeln (AMR) zur Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV).

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