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Asbest

vom Wundermineral zur gefährlichen Altlast

Asbest ist ein Naturstoff, der als "Mineral der tausend Möglichkeiten" seit mehr als 100 Jahren in industriellen und verbrauchernahen Bereichen Verwendung gefunden hat. Mehr als 3.500 Produkte wurden aus Asbest hergestellt. Der Verbrauch in Deutschland (alte Bundesländer) betrug in den Jahren 1950 bis 1985 etwa 4,4 Mio. Tonnen. Asbest wird auch heute noch in den Staaten der Russischen Föderation, in der Volksrepublik China, Kasachstan, Brasilien und Simbabwe abgebaut. Diese Länder decken ungefähr 96 Prozent der Weltproduktion. Zumindest bis Anfang der 1990er-Jahre waren Asbestprodukte in Deutschland fast überall anzutreffen, wo hohe Temperaturen auftreten können (Hochtemperaturdämmung und -dichtungen, Brandschutz, Brems- und Kupplungsbeläge, Schutzkleidung und -handschuhe). Darüber hinaus waren in Westdeutschland etwa 900 Mio. m² Asbestzementprodukte mit einer Lebensdauer von 40 bis 50 Jahren verbaut. Auch in der ehemaligen DDR kamen etwa 10 Mio. Tonnen zur Anwendung.

Die Gesundheitsgefahren durch Asbest, denen vor allem Beschäftigte ausgesetzt waren, wurden schon Anfang des 20. Jahrhunderts erkannt. Seit 1942 ist Lungenkrebs in Verbindung mit Asbestose in Deutschland offiziell als Berufskrankheit anerkannt. Die Ursache der krebserzeugenden Wirkung blieb jedoch lange Zeit unklar. 1972 veröffentlichten Pott und Stanton die Hypothese, dass hinreichend lange, dünne und biobeständige Fasern eine krebserzeugende Wirkung aufweisen. Die Faserhypothese ist inzwischen durch eine Vielzahl tierexperimenteller Ergebnisse gestützt und international anerkannt. Auch andere biopersistente Fasern können Krebserkrankungen verursachen.

Viel zu spät wurde auf die asbestbedingten Gefahren am Arbeitsplatz reagiert, denn die ersten Schutzvorschriften gab es erst 1972. Sie führten in den nachfolgenden Jahren zu erheblichen Minderungen der Asbestbelastung an den Arbeitsplätzen. Doch auch diese Vorsichtsmaßnahmen waren für die Sicherheit der Beschäftigten nicht ausreichend, weil sie immer noch mit Erkrankungsrisiken in der Größenordnung von 1 Prozent bei 35-jähriger Exposition verbunden sind. Die Erkenntnis, dass ein "kontrollierter Umgang" über den gesamten Lebenslauf von Asbestprodukten nicht zu gewährleisten ist, führte dann 1995 zu einem vollständigen Verbot der Herstellung, Vermarktung und Verwendung von Asbestprodukten in Deutschland. Anschließend hat auch die Europäische Union 2005 einen vollständigen Ausstieg aus der Asbestverwendung beschlossen.

Die Latenzzeit zwischen Asbestbelastung und Krebserkrankung beträgt durchschnittlich mehr als 30 Jahre. Die Folgen des unzureichenden Arbeitsschutzes werden somit erst heute in vollem Umfang deutlich, da der Asbestverbrauch in Deutschland noch bis Mitte der 1970er-Jahre kontinuierlich gestiegen war. Im Jahr 2012 starben laut nationalem Asbest-Profil über 1.500 Menschen mit anerkannter Berufskrankheit durch asbesthaltige Stäube. Insgesamt starben zwischen 1994 und 2012 über 26.000 Menschen vorzeitig an den Folgen des Minerals. In der EU gibt es nach konservativen Schätzungen der Europäischen Kommission derzeit etwa 8.000 vorzeitige Todesfälle im Jahr, die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) Genf rechnet weltweit mit jährlich 100.000 Asbesttoten.

Aktuell sind immer noch über 35 Millionen Tonnen asbesthaltiges Material verbaut, meist in Form von Asbestzement. Beim Abriss oder Umbau von Gebäuden können Asbestfasern und -staub freigesetzt werden. Von 2001 bis heute fiel rund vier Millionen Tonnen asbesthaltiger Müll an. Ende 2012 waren immer noch fast 89.000 Beschäftigte in Deutschland mit Asbestprodukten in Kontakt.

Bereits 1982 hat die Vorläuferinstitution der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) einen Asbestersatzstoffkatalog für Asbest veröffentlicht. Zudem dokumentierte der Hauptverband der Berufsgenossenschaften (HVBG) Asbestersatzstoffe in einem umfangreichen Katalog (Asbestersatzstoff-Katalog - Erhebung über im Handel verfügbare Substitute für Asbest und asbesthaltige Produkte, HVBG, 1985). Dieser förderte die innovativen Bemühungen der Industrie bei der Suche nach ungefährlichen Ersatzstoffen. Obgleich Ende der 1980er-Jahre die Möglichkeiten für einen vollständigen Verzicht auf Asbest von der Industrie noch sehr kritisch und nur mit über das Jahr 2000 hinausgehenden Perspektiven gesehen wurden, konnte der 1990 eingeleitete Ausstieg bereits 1995 mit einem Totalverbot abgeschlossen werden. Die zunächst befürchteten wirtschaftlichen Konsequenzen, z. B. für die Zementindustrie, sind ausgeblieben. Im Gegenteil - durch die Vorreiterrolle Deutschlands haben die Produzenten von Asbestersatzprodukten inzwischen einen internationalen Wettbewerbsvorteil. Ein besonderer Fortschritt ist die gezielte Entwicklung biolöslicher Fasern durch die deutsche Mineralwolleindustrie in den letzten Jahren, die das Problem der faserbedingten Krebserkrankungen an der Wurzel packt.