Asbest
vom Wundermineral zur gefährlichen Altlast
Asbest ist ein Naturstoff, der als "Mineral der tausend Möglichkeiten" seit mehr als 100 Jahren in industriellen und verbrauchernahen Bereichen Verwendung gefunden hat. Mehr als 3500 Produkte wurden aus Asbest hergestellt, der Verbrauch in Deutschland (West) betrug in den Jahren 1950 bis 1985 etwa 4.4 Mio. Tonnen. Asbest wird auch heute noch in den Staaten der ehemaligen UdSSR (1991 ca. 55 % der Weltproduktion), Kanada, Brasilien, Zimbabwe, China, Südafrika, Griechenland und weiteren Ländern abgebaut. Asbestprodukte waren in Deutschland zumindest bis Anfang der neunziger Jahre fast überall anzutreffen, wo hohe Temperaturen auftreten können (Hochtemperaturdämmung, -dichtungen, Brandschutz, Brems- und Kupplungsbeläge, Schutzkleidung und -handschuhe). Darüber hinaus waren in Westdeutschland etwa 900 Mio. m² Asbestzementprodukte mit einer Lebensdauer von 40 - 50 Jahren verbaut. Auch in der ehemaligen DDR kamen etwa 10 Mio. Tonnen Asbestprodukte zur Anwendung.
Die Gesundheitsgefahren von Asbest, denen vor allem Arbeitnehmer ausgesetzt waren, wurden schon zur Jahrhundertwende erkannt. Seit 1942 ist in Deutschland Lungenkrebs in Verbindung mit Asbestose offiziell als berufsbedingte Erkrankung anerkannt. Die Ursache der krebserzeugenden Wirkung blieb jedoch lange Zeit unklar. 1972 veröffentlichten Pott und Stanton die Hypothese, dass hinreichend lange, dünne und biobeständige Fasern eine krebserzeugende Wirkung aufweisen. Die Faserhypothese ist inzwischen durch eine Vielzahl tierexperimenteller Ergebnisse gestützt und international anerkannt. Auch andere biopersistente Fasern können Krebserkrankungen verursachen.
Viel zu spät wurde auf die asbestbedingten Gefahren am Arbeitsplatz reagiert. Die ersten Schutzvorschriften gab es 1972. Sie führten in den nachfolgenden Jahren zu erheblichen Minderungen der Asbestbelastung an den Arbeitsplätzen. Doch auch diese waren für die Sicherheit der Beschäftigten nicht ausreichend, weil sie immer noch mit Erkrankungsrisiken in der Größenordnung von 1 % bei 35jähriger Exposition verbunden sind. Die Erkenntnis, dass ein "kontrollierter Umgang" über den gesamten Lebenslauf von Asbestprodukten nicht zu gewährleisten ist, führte dann 1995 zu einem vollständigen Verbot der Herstellung, Vermarktung und Verwendung von Asbestprodukten in Deutschland. Inzwischen hat auch die Europäische Union für 2005 einen vollständigen Ausstieg aus der Asbestverwendung beschlossen.
Die Latenzzeit zwischen Asbestbelastung und Krebserkrankung beträgt durchschnittlich mehr als 30 Jahre. Die Folgen des unzureichenden Arbeitsschutzes werden somit erst heute in vollem Umfang deutlich, da der Asbestverbrauch in Deutschland noch bis Mitte der siebziger Jahre kontinuierlich angestiegen war. Seit 1978 wurden mehr als 17000 asbestbedingte Berufserkrankungen in Deutschland anerkannt. Jährlich kommen z. Z. etwa 7000 neue Anzeigen hinzu. Jede 2. Berufskrankheit mit tödlichem Ausgang, mehr als 1.000 jährlich, ist durch Asbest verursacht. In der EU gibt es nach vorsichtigen Schätzungen der europäischen Kommission derzeit etwa 8.000 Todesfälle im Jahr, die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) Genf rechnet weltweit mit jährlich 100.000 Asbesttoten.
Bereits 1982 hat die Vorläuferinstitution der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin einen Asbestersatzstoffkatalog für Asbest veröffentlicht. Dieser förderte die innovativen Bemühungen der Industrie bei der Suche nach ungefährlichen Produkten. Obgleich Ende der achtziger Jahre die Möglichkeiten für einen vollständigen Verzicht auf Asbest von der Industrie noch sehr kritisch und nur mit über das Jahr 2000 hinausgehenden Perspektiven gesehen wurden, konnte der 1990 eingeleitete Ausstieg bereits 1995 mit einem Totalverbot abgeschlossen werden. Ausgeblieben sind auch die befürchteten wirtschaftlichen Konsequenzen, z. B. für die Zementindustrie. Im Gegenteil - durch die Vorreiterrolle Deutschlands haben die Produzenten von Asbestersatzprodukten inzwischen einen internationalen Wettbewerbsvorteil. Ein besonderer Fortschritt ist die gezielte Entwicklung biolöslicher Fasern durch die deutsche Mineralwolleindustrie in den letzten Jahren, die das Problem der faserbedingten Krebserkrankungen an der Wurzel packt.
