Einführung
- 1. Warum sollten psychische Belastungen im Betrieb erfasst werden?
- 2. Wer kann welches Instrument einsetzen?
- 3. Wie kann das passende Instrument gefunden werden?
- 4. Wie kann die Auswahl dokumentiert werden?
1. Warum sollten psychische Belastungen im Betrieb erfasst werden?
Zu den Grundpflichten der Arbeitgeber laut ArbSchG § 3 gehört die Erhaltung und Verbesserung von Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten bei der Arbeit. Sowohl der Abbau psychischer Fehlbelastungen, die zu psychischer Über- oder Unterforderung führen, als auch die Durchführung von Maßnahmen zur menschengerechten Arbeitsgestaltung, die in einer Belastungsoptimierung und Erweiterung der Ressourcen bestehen, tragen dazu bei.
Wichtige Anhaltspunkte für das Vorhandensein psychischer Fehlbelastungen sind z. B.
- Leistungsmängel
- Nichteinhaltung von Terminen
- Beschwerden von MitarbeiterInnen über Zeitdruck, unvollständige, fehlende oder zu späte Informationen, fehlerhafte Technik, nutzerunfreundliche Software, fehlende Schulungen usw.
- Konflikte zwischen den MitarbeiterInnen bzw. zwischen den MitarbeiterInnen und Vorgesetzten bis hin zu Mobbing
- Suchtfälle (Alkohol, Medikamente, Drogen)
- Zunahme von Fehlzeiten, Fluktuation, Frühverrentungen
- Zunahme von Unfällen
Die folgenden Beispiele unterstreichen die Notwendigkeit der Erfassung der Belastungssituation im Betrieb:
1. Bei einer Befragung in einem Computerbetrieb (WILKENING, 1998) berichteten Beschäftigte mit hoher Arbeitsverdichtung signifikant mehr Befindlichkeitsstörungen und ärztlich diagnostizierte Krankheiten als Beschäftigte, bei denen das Merkmal Arbeitsverdichtung niedrig ausgeprägt war (siehe Tabelle 1).
Tab. 1 Vergleich von psychosomatischen Beschwerden und ärztlich diagnostizierten Krankheiten bei Beschäftigten mit und ohne Arbeitsverdichtung (WILKENING, 1998)
| Beschwerden* / Krankheiten* | hohe Arbeitsverdichtung | niedrige Arbeitsverdichtung |
|---|---|---|
| Schwindelgefühl | 22 | 7 |
| Herzbeschwerden | 22 | 9 |
| Stechen in der Brust | 17 | 8 |
| Übelkeit | 9 | - |
| Magenschmerzen | 27 | 5 |
| Magenschleimhautentzündung | 18 | 7 |
| hoher Blutdruck | 20 | 10 |
| Kreislaufstörungen | 36 | 24 |
* Unterschiede signifikant
2. Aus einer finnischen Studie geht hervor, dass Beschäftigte, die einen Personalabbau über 18 Prozent erlebt haben, doppelt so häufig krank wurden, als Beschäftigte, bei denen der Personalabbau wesentlich geringer war. Ursachen dafür werden in der Arbeitsverdichtung, in fehlenden Möglichkeiten für die gegenseitige Unterstützung bei hohen Anforderungen oder Problemsituationen sowie in dem verminderten Mitspracherecht insbesondere bei einfachen Tätigkeiten gesehen (PAULUS, 2000).
3. Je einseitiger und weniger abwechslungsreich die Arbeitstätigkeit gestaltet ist, desto höher ist die Anzahl krankheitsbedingter Fehltage (AU-Tage) in den betreffenden Tätigkeitsgruppen (ERTEL et al., 1997) (siehe Abbildung 1).
Abb. 1 Mittlere Anzahl krankheitsbedingter Fehltage (AU-Tage) in den letzten 6 Monaten vor der Befragung, unterteilt nach vorwiegend ausgeführten Tätigkeiten der Befragten (ERTEL, JUNGHANNS, PECH, ULLSPERGER, 1997)
4. Im Dienstleistungsbereich liegt eine andere Belastungskonstellation bei den Beschäftigten vor, die am besten mit einer Sandwich-Position beschrieben werden kann. Die Beschäftigten müssen gleichzeitig die Interessen der Organisation und die Bedürfnisse der Kunden, Patienten usw. berücksichtigen (siehe Abbildung 2). Mögliche Interessenkonflikte lösen bei den Beschäftigten Stresssituation und Frustration aus.
Abb. 2 Widersprüchliche Anforderungen bei Dienstleistungstätigkeiten
5. Neben belastungsungünstig gestalteten Merkmalen der Arbeit können auch die individuellen Leistungsvoraussetzungen der Beschäftigten nicht den Arbeitsanforderungen entsprechen. Das ist der Fall, wenn
- die Qualifikation bzw. die fachlichen Kompetenzen oder
- soziale Kompetenzen nicht ausreichen,
- eigene Wertmaßstäbe dominierend sind oder
- sich die Leistungsvoraussetzungen altersbedingt verändert haben.
Zum Beispiel hat ILMARINEN (1997) Stress als Folge der unzureichenden Beherrschung des Computers in verschiedenen Altersgruppen ermittelt (siehe Abbildung 3). So erleben ca. 60 % der Beschäftigten im Alter über 50 Jahre Stress bei der Computerarbeit sowie fast 30 % der jüngeren ArbeitsplatzinhaberInnen, wenn ihre Kenntnisse für die Benutzung des Computers nicht ausreichen. Durch Schulungsmaßnahmen, die das Unternehmen initiiert, kann dem Stresserleben vorgebeugt werden.
Abb. 3 Stress als Folge unzureichender Beherrschung des Computers in verschiedenen Altersgruppen (ILMARINEN, 1997)
Bei der Erfassung psychischer Belastung im Betrieb werden häufig die Ressourcen bei der Arbeit nicht mit erfasst. Wenn ungünstige Belastungssituationen vorliegen, leisten Ressourcen einen Beitrag bei der Vermeidung von Beeinträchtigungen auf die Sicherheit und Gesundheit. Aus eigenen Untersuchungen mit dem BASA-II-Verfahren ist bekannt, dass die Ressourcen an vielen Arbeitsplätzen zu gering ausgeprägt sind. Aber auch daraus ergibt sich Handlungsbedarf.
2. Wer kann welches Instrument einsetzen?
Der Einsatz der Verfahren im Betrieb ist ohne theoretisches und methodisches Grundwissen auf dem Gebiet "Psychische Belastung" kaum möglich. In der Toolbox werden die Nutzer nach dem Umfang ihrer Kenntnisse auf den Gebieten psychische Belastung und Erfassung psychischer Belastung in unterschiedliche Gruppen eingeteilt:
- ungeschulte Nutzer (z. B. Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Mitglieder von Personalvertretungen, Betriebsärzte)
- geschulte Nutzer (z. B. Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Mitglieder von Personalvertretungen, Betriebsärzte)
- Experten (Arbeitspsychologen, Arbeitsmediziner, Arbeitswissenschaftler)
Ungeschulte Nutzer sollten an einem Grundlagenseminar "Psychische Belastung" teilgenommen haben. Zusätzlich dazu haben geschulte Nutzer spezielle Verfahrensschulungen belegt. Die Art der Nutzergruppe entscheidet darüber, welche Verfahren eingesetzt werden dürfen:
- Ungeschulte Nutzer dürfen nur orientierende Verfahren der Verhältnisprävention einsetzen
- Geschulte Nutzer können neben orientierenden auch Screeningverfahren der Verhältnisprävention einsetzen
- Experten dürfen alle Verfahren der Verhältnis- und Verhaltensprävention einsetzen
3. Wie kann das passende Instrument gefunden werden?
Die Suche nach dem passenden Instrument ist in der Toolbox in verschiedenen Richtungen möglich:
- mit den Übersichtstabellen
- mit den Kurzbeschreibungen
- im Glossar nach Stichworten
- mit dem Instrumentenverzeichnis oder
- dem Autorenverzeichnis
In den Übersichtstabellen sind alle Verfahren je nach Gestaltungsbezug bzw. Analysetiefe in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet. Wenn ein Verfahrenskürzel angeklickt wird, wird die Kurzbeschreibung des jeweiligen Verfahrens am Bildschirm angezeigt. In der Toolbox erfolgt eine Einordnung der Verfahren nach dem Gestaltungsbezug in der Verhältnis- oder Verhaltensprävention. Verfahren der Verhältnisprävention zielen auf die Veränderungen der Arbeitsbedingungen ab. Sie werden nach der Analysetiefe in orientierende Verfahren, Screeningverfahren und Expertenverfahren eingeteilt. Verfahren der Verhaltensprävention werden eingesetzt, um die individuellen Leistungsvoraussetzungen einer Person zu diagnostizieren und gegebenenfalls zu fördern. Wichtige Aspekte sind die individuelle Arbeitsorganisation und Stressbewältigung oder die kommunikativen und sozialen Kompetenzen einer Person.
Das Glossar und Stichwortverzeichnis wendet sich an jene, die Kurzbeschreibungen und schnelle Hilfe für Probleme im Betrieb suchen. Die Stichworte sind hierzu mit den Verfahren verknüpft, die eine Untersuchung der genannten Probleme direkt oder indirekt erlauben. Das Instrumentenverzeichnis enthält alle Verfahrenskürzel in alphabetischer Reihenfolge. Wenn ein Kürzel im Internet angeklickt wird, wird die Kurzbeschreibung des Verfahrens aufgerufen. Im Autorenverzeichnis sind alle Autoren in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet. Eine Suche von Verfahren ist auch dort möglich, da den Autoren die von ihnen entwickelten Verfahren zugeordnet sind.
Wer ein Verfahren zur Erfassung psychischer Belastung sucht, sollte die Fragen und die Auswahlschritte, die im Punkt 3 aufgeführt sind, beachten. Voraussetzung für die Verfahrensauswahl ist die eigene Qualifikation (siehe Nutzergruppe). Bei der Entscheidung für ein Verfahren sind im Hinblick auf das zu lösende Problem und später umzusetzende Maßnahmen arbeits- und methodenbezogene Aspekte zu berücksichtigen. Eine Beratung durch Experten ist bei jedem Schritt möglich.
4. Wie kann die Auswahl dokumentiert werden?
Die Auswahl eines Verfahrens setzt die Festlegung des Untersuchungsanliegens und der Aufgabenstellung voraus, die am besten in einer im Betrieb gegründeten Projektgruppe diskutiert werden sollte. Wichtige Mitglieder der betrieblichen Projektgruppe sind die Sicherheitsfachkraft, der Betriebsarzt und der Betriebsrat. In der Projektgruppe wird die Aufgabenstellung für die Erfassung psychischer Belastung präzisiert und das gemeinsame Vorgehen beraten.
Für die Auswahl von Verfahren zur Erfassung psychischer Belastungen ist die Beantwortung mehrer Fragen hilfreich:
- Welches Problem liegt vor?
- Welche Nutzergruppe (ungeschulte Nutzer, geschulte Nutzer, Experten) liegt vor?
- Welche Analysetiefe wird angestrebt?
- Bei welcher Tätigkeitsklasse sollen psychische Belastungen ermittelt werden?
- In welcher Branche (Metall, Papier, Büro und Verwaltung usw.) sollen psychische Belastungen ermittelt werden?
- Welche Methode(n) der Datengewinnung soll(en) verwendet werden?
Abbildung 4 zeigt die Schritte, die bei der Auswahl eines Verfahrens berücksichtigt werden sollten.
Eine betriebliche Dokumentation der Verfahrensauswahl ist empfehlenswert, wenn auch nach Wochen und Monaten die Auswahl nachvollzogen bzw. gegenüber anderen begründet werden soll. Außerdem sind bei gleichen oder ähnlichen Betriebssituationen überbetriebliche Diskussionen und Vergleiche möglich. Die Auswahldokumentation kann auch bei der Qualifizierung betrieblicher Nutzer zur Erfassung psychischer Belastungen genutzt werden, um die Kenntnisse in diesem Bereich zu vertiefen bzw. zu festigen.
Das Formular für die Auswahldokumentation kann kopiert bzw. heruntergeladen werden. Es besteht außerdem die Möglichkeit, das Formular an die Verhältnisse vor Ort anzupassen.
Abb. 4 Auswahlschritte
