Arbeitsfähigkeit und Vitalität bei Gymnasiallehrern unterschiedlicher Altersklassen
Angesichts des bundesweit hohen Anteils krankheitsbedingter Berentung von Lehrern wird die Situation sächsischer Lehrkräfte anhand neuer Daten festgestellt. Von besonderem Interesse sind die Auswirkungen berufsspezifischer Belastungen auf die Gesundheit (Vitalität) und Arbeitsfähigkeit bei jüngeren und älteren Lehrkräften, die an 100 Gymnasiallehrerinnen (Lehrer) aus fünf Dresdner Gymnasien unter Einsatz einer integrativen arbeitsmedizinisch-psychologischen Untersuchungsmethodik erhoben wurden. Die Arbeitsfähigkeit (Af) wurde mit Hilfe des Fragebogens Work Ability Index (WAI), die Vitalität mit dem Vitalitätsmessplatz® untersucht. Zusätzliche berufliche und persönlichkeitsrelevante Einflussfaktoren auf Vitalität und Af wurden anhand eines anamnestischen, berufsspezifischen Interviewleitfadens sowie folgenden standardisierten Fragebögen erhoben: Arbeitsintensität und Tätigkeitsspielraum (FIT), Erholungsunfähigkeit (FABA), Burnout-Risiko (MBI-GS), Effort-Reward-Imbalance (ERI). Die Ergebnisse des Altersvergleiches (Lehrer < 45 Jahre: n = 49; Lehrer >= 45 Jahre: n = 51) machen auf einen Widerspruch zwischen selbst eingeschätzter Af und Vitalitätsdaten aufmerksam, besonders bei älteren Lehrern. Diese schätzen ihre Af ungünstiger als ihre jüngeren Kollegen ein: Sie unterscheiden sich zwar nicht in der Anzahl diagnostizierter Erkrankungen (häufigste Erkrankungen: Stütz- und Bewegungsapparat, Herz-Kreislauf-System, Atemsystem), weisen aber mehr Befindensbeeinträchtigungen (psychische Probleme, emotionale Erschöpfung) auf und fühlen sich durch Krankheiten stärker beeinträchtigt. Sie zeigen auch die bekannten altersabhängigen Vitalitätsveränderungen, vor allem im physiologischen Bereich. Jüngere Lehrer klagen verstärkt über Symptome, die in Folge hoher Sprechbelastung entstehen. Als gesundheitliche Ressource wird in beiden Altersgruppen die hohe mentale Leistungsfähigkeit und körperliche Fitness (günstiger Trainingszustand des Herz-Kreislauf-Systems) herausgestellt. Beides wirkt sich förderlich auf das - im Vergleich zur Referenzpopulation - jüngere vitale Funktionsalter aus. Lehrer mit niedriger (n = 37) und hoher (n = 63) Af weisen aber einen vergleichbaren physiologischen, mentalen und sozialen Funktionszustand auf. Bei multivariater Überprüfung des Einflusses der untersuchten Variablen auf die Af (CHAID-Analyse) zeigt sich jedoch, dass niedrige Af bei Lehrern vor allem durch körperliche Risikofaktoren beeinflusst wird, während sich hohe Af durch psychische Ressourcen auszeichnet. Insgesamt spiegeln die Ergebnisse den förderlichen Einfluss von hohem Bildungsniveau und anspruchsvoller beruflicher Tätigkeit für die Erhaltung einer guten Af wider, machen jedoch auch auf die besondere psychische und psychosoziale Belastung der Lehrer aufmerksam. Der kombinierte Einsatz von selbst eingeschätzter Af und differenzierter Beurteilung von Vitalitätsindikatoren schafft die Voraussetzung für die Entwicklung ursachenorientierter, präventiver Maßnahmen zur Erhaltung der Af. Zur Ursachenfindung einer verminderten Af ist die zusätzliche Beurteilung persönlichkeitsrelevanter und berufsbedingter Einflussfaktoren (u. a. Gratifikation) bedeutungsvoll.
Bibliografische Angaben
Titel: Arbeitsfähigkeit und Vitalität bei Gymnasiallehrern unterschiedlicher Altersklassen.
1. Auflage.
Bremerhaven:
Wirtschaftsverlag NW Verlag für neue Wissenschaft GmbH, 2004.
(Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Forschungsbericht
, Fb 1035)
ISBN: 3-86509-241-1, Seiten: 224, Projektnummer: F 5205, Papier
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