Biodynamik und Kraftwirkungen in der Wirbelsäule von Vibrationsexponierten auf Fahrersitzen mit und ohne Rückenlehne
An Fahrerarbeitsplätzen mit Einwirkungen von Ganzkörperschwingungen haben Belastungen und Beanspruchungen und ihre Prävention eine große arbeitsmedizinische Aktualität erlangt. So wurde nach CHRIST und FISCHER (2001) im Zeitraum von 1993 bis 1999 für insgesamt 6242 Beschäftigte ein Antrag auf Anerkennung ihrer Wirbelsäulenbeschwerden als BK 2110 gestellt. Vor diesem Hintergrund ist eine Abschätzung von Übertragungseigenschaften des Systems Sitz-Fahrer, der Kraft- und Druckwirkungen in Abhängigkeit von arbeitsplatztypischen Faktoren wie Sitzbedingungen und Arbeitshaltungen von großer Bedeutung.
Material und Methode: 39 Versuchspersonen wurden in zwei Haltungen (entspannt und vorgeneigt) und zwei Sitzbedingungen (mit und ohne Nutzung der Rückenlehne) auf einem handelsüblichen schwingungsisolierenden Sitz gegenüber praxisrelevanten Ganzkörperschwingungen einer Intensität exponiert. Messgrößen: Anthropometrischer Status, Beschleunigungen in z-Richtung an der Sitzplatte, Beschleunigungen in z- und x-Richtung am Interface zwischen Versuchsperson und Sitz- sowie Rückenlehnenpolster, Beschleunigungen in z-Richtung am Kopf; weitere eingesetzte Methoden: Bewegungsanalyse, Druckverteilungsmessung, intermodale Vergleiche zur subjektiven Bewertung, FE-Modell zur Vorhersage von Kräften in der Wirbelsäule bei Nutzung von Fahrersitzen (PANKOKE et al., 2000).
Ergebnisse und Schlussfolgerungen: Ergebnisse der Schwingungsausbreitung, die auf einem harten Sitz gewonnen wurden, sind nicht auf Fahrersitze übertragbar. Bei identischer Exposition wurden in Abhängigkeit von der Sitzbedingung und Haltung differente Schwingungsausbreitungen gefunden. Die subjektiven Urteile zeigen, dass eine identische Expositionsintensität in ungünstigen Sitzhaltungen stärker reflektiert wird als in Komforthaltungen.
Die Mittelwerte aller registrierten Marker der Bewegungsanalyse ergaben signifikante Unterschiede zwischen den untersuchten Sitzbedingungen und Haltungen. Die Untersuchungen belegten, dass eine Änderung der Sitzbedingungen ebenso wie eine Haltungsänderung zu Änderungen der räumlichen Lage der Gelenkpunkte führt. Die Ergebnisse der Druckverteilungsmessungen am Sitzpolster ergaben während der untersuchten Sitzbedingungen und Haltungen signifikante Differenzen für die Gesamtkraft und den Maximaldruck. Die Gesamtkraft war während des Sitzens ohne Rückenlehne größer als mit Rückenlehne und für die entspannte Haltung größer als für die vorgeneigte Haltung. Gleichartige haltungsabhängige Relationen wiesen auch die am Rückenlehnenpolster registrierten Gesamtkräfte auf. Diese Ergebnisse sollten in einer Modellweiterentwicklung berücksichtigt werden.
Das genutzte Modell (PANKOKE et al., 2000) gestattet die Berücksichtigung mehrerer Vibrationsinputs, wie sie an realen Fahrerarbeitsplätzen die Regel sind. Der Entwicklungsstand des Modells zur Berechnung von Kompressions- und Scherkräften lässt jedoch gegenwärtig noch keine gesicherten Schlussfolgerungen zu differenten Belastungen beim Sitzen mit und ohne Rückenlehne und daraus möglicherweise folgenden Wirkungen auf die Gesundheit der Beschäftigten zu.
Bibliografische Angaben
Titel: Biodynamik und Kraftwirkungen in der Wirbelsäule von Vibrationsexponierten auf Fahrersitzen mit und ohne Rückenlehne.
1. Auflage.
Bremerhaven:
Wirtschaftsverlag NW Verlag für neue Wissenschaft GmbH, 2002.
(Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Forschungsbericht
, Fb 948)
ISBN: 3-89701-809-8, Seiten: 212, Projektnummer: F 5114, Papier
vergriffen