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Asbest

Vom Wundermineral zur gefährlichen Altlast

Asbest ist ein Naturstoff, der als "Mineral der tausend Möglichkeiten" seit mehr als 100 Jahren in industriellen und verbrauchernahen Bereichen verwendet wird. Doch die gesundheitlichen Risiken von Asbest sind groß.

Der Gebrauch von Asbest in Westdeutschland betrug in den Jahren 1950 bis 1990 etwa 4,4 Mio. Tonnen. Mehr als 3.500 Produkte wurden im Verlauf der vergangenen 100 Jahre aus Asbest hergestellt. Asbest wird auch heute noch in den Staaten der Russischen Föderation, in der Volksrepublik China, in Kasachstan, Brasilien und Simbabwe abgebaut. Diese Länder decken ungefähr 96 Prozent der Weltproduktion ab. Zumindest bis Anfang der 1990er-Jahre waren Asbestprodukte in Deutschland fast überall anzutreffen, wo hohe Temperaturen auftreten können. Also bei der Hochtemperaturdämmung und in -dichtungen, im Brandschutz, in Brems- und Kupplungsbelägen, in Schutzkleidung und -handschuhen. Darüber hinaus waren in Westdeutschland etwa 900 Mio. m² asbesthaltige Dachoberfläche mit einer Lebensdauer von 40 bis 50 Jahren verbaut. Auch in der ehemaligen DDR kamen etwa 10 Mio. Tonnen Asbestzementprodukte zum Einsatz.

Die Gesundheitsgefahren durch Asbest, denen vor allem Beschäftigte ausgesetzt waren, erkannte man schon Anfang des 20. Jahrhunderts. Seit 1942 ist Lungenkrebs in Verbindung mit Asbestose in Deutschland offiziell als Berufskrankheit anerkannt. Warum Asbest krebserzeugend wirkt, blieb jedoch lange Zeit unklar. 1972 veröffentlichten die Wissenschaftler Pott und Stanton die Hypothese, dass hinreichend lange, dünne und biobeständige Fasern eine krebserzeugende Wirkung haben können. Die Faserhypothese ist inzwischen durch eine Vielzahl tierexperimenteller Ergebnisse gestützt und international anerkannt. Auch andere biopersistente Fasern können Krebserkrankungen verursachen.

Ab 1993 ist Asbest in Deutschland verboten

Viel zu spät reagierte man auf die asbestbedingten Gefahren am Arbeitsplatz. Erst 1972 gab es die ersten Schutzvorschriften. Sie minderten in den nachfolgenden Jahren die Asbestbelastung an den Arbeitsplätzen erheblich. Doch auch diese Vorsichtsmaßnahmen waren für die Sicherheit der Beschäftigten nicht ausreichend. Noch immer waren sie mit Erkrankungsrisiken in der Größenordnung von 1 Prozent bei 35-jähriger Exposition verbunden. Die Erkenntnis, dass ein "kontrollierter Umgang" über den gesamten Lebenslauf von Asbestprodukten nicht zu gewährleisten ist, führte dann 1993 zu einem vollständigen Verbot der Herstellung, Vermarktung und Verwendung von Asbestprodukten in Deutschland. 2005 beschloss auch die Europäische Union einen vollständigen Ausstieg aus der Asbestverwendung.

Die Latenzzeit zwischen Asbestbelastung und Krebserkrankung beträgt im Schnitt mehr als 30 Jahre. Die Folgen des unzureichenden Arbeitsschutzes werden somit erst heute in vollem Umfang deutlich. Denn der Asbestverbrauch in Deutschland war noch bis Mitte der 1970er-Jahre kontinuierlich gestiegen. Im Jahr 2012 starben laut nationalem Asbest-Profil über 1.500 Menschen mit anerkannter Berufskrankheit durch asbesthaltige Stäube. Insgesamt starben zwischen 1994 und 2012 mehr als 26.000 Menschen vorzeitig an den Folgen des Minerals. In der EU gibt es nach konservativen Schätzungen der Europäischen Kommission derzeit etwa 8.000 vorzeitige Todesfälle im Jahr, die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) Genf rechnet weltweit mit jährlich 100.000 Asbesttoten.

Bis heute kommen Beschäftigte mit Asbestprodukten in Kontakt

Aktuell sind immer noch über 35 Millionen Tonnen asbesthaltiges Material verbaut, meist in Form von Asbestzement. Bei Abbrucharbeiten sowie Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten an Gebäuden können Asbestfasern und -staub freigesetzt werden. Von 2001 bis heute fiel rund vier Millionen Tonnen asbesthaltiger Müll an. Ende 2012 waren immer noch fast 89.000 Beschäftigte in Deutschland mit Asbestprodukten in Kontakt.

Bereits 1982 hat die Vorläuferinstitution der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) einen Asbestersatzstoffkatalog für Asbest veröffentlicht. Zudem dokumentierte der Hauptverband der Berufsgenossenschaften (HVBG) Asbestersatzstoffe in einem umfangreichen Katalog (Asbestersatzstoff-Katalog - Erhebung über im Handel verfügbare Substitute für Asbest und asbesthaltige Produkte, HVBG, 1985). Dieser förderte die innovativen Bemühungen der Industrie bei der Suche nach ungefährlichen Ersatzstoffen. Obwohl die Industrie Ende der 1980er-Jahre die Möglichkeiten für einen vollständigen Verzicht auf Asbest noch sehr kritisch und nur mit über das Jahr 2000 hinausgehenden Perspektiven gesehen hatte, konnte der 1990 eingeleitete Ausstieg bereits 1993 mit einem Totalverbot abgeschlossen werden. Die zunächst befürchteten wirtschaftlichen Konsequenzen, z. B. für die Zementindustrie, blieben aus.

Im Gegenteil - durch die Vorreiterrolle Deutschlands haben die Produzenten von Asbestersatzprodukten inzwischen einen internationalen Wettbewerbsvorteil. Ein besonderer Fortschritt ist die gezielte Entwicklung biolöslicher Fasern durch die deutsche Mineralwolleindustrie in den vergangenen Jahren, die das Problem der faserbedingten Krebserkrankungen an der Wurzel packt.

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