Beanspruchungsdiagnostik bei Daueraufmerksamkeitsleistungen
Methodenentwicklung zur psychophysiologischen Untersuchungen psychischer Arbeitsbeanspruchung (Abschlußbericht)
Psychische Belastungen und Beanspruchungen bei der Arbeit werden in Abhängigkeit von der jeweiligen Zielstellung mit sehr unterschiedlichen Methoden ermittelt. Während z. B. für die routinemäßige Ermittlung und Beurteilung der psychischen Belastung am Bildschirmarbeitsplatz in der Regel vor allem einfache Screening-Methoden in Frage kommen, ist die gebotene Komplettierung des Erkenntnisstandes über beanspruchungsrelevante zentralnervöse Informationsverarbeitungsprozesse nur mit Hilfe entsprechender psychophysiologischer Methoden möglich. Ein Ziel der vorliegenden Studie war daher die Untersuchung der Aussagekraft von Parametern ereigniskorrelierter Hirnpotentiale (EKP) zur Einschätzung von Änderungen der psychischen Arbeitsbeanspruchung bei Ausführung komplexer, realitätsnaher Aufgaben. 15 gesunde Probanden führten sowohl eine akustische Diskriminationsaufgabe sowie die Überwachung von Zeigerinstrumenten und Kopfrechnen aus, die letzten beiden Anforderungen getrennt und gleichzeitig. Die in der Diskriminationsaufgabe verwendeten akustischen Stimuli (80 % 1000 Hz Töne, 10 % 2000 Hz Töne 10 % wechselnde Geräuschstimuli) wurden als Probe-Reize während der Ausführung der Überwachungs- und der Kopfrechenanforderung angeboten. Als Beanspruchungsindikatoren wurden die EKP-Komponenten N100 und P300 herangezogen, die nach Literaturbefunden als Kennwerte für perzeptive und perzeptiv-zentrale Verarbeitungsressourcen dienen können. Zusätzlich zu den EKPs wurden die Leistungsdaten sowie die subjektive Beanspruchung (NASA-TLX) erhoben. Die Ergebnisse, die im Rahmen der Kapazitätstheorie (MORAY, 1967; HOCKEY, 1997) interpretiert werden, weisen im Mittel auf eine hohe Ausschöpfung der Verarbeitungsressourcen bereits bei Einzelausführung der beiden komplexen Anforderungen hin; die Kombination stößt an die Grenzen der Verarbeitungskapazität und geht mit Leistungseinbußen einher. Einerseits verdeutlicht die Untersuchung weiteren Forschungsbedarf; so bleibt u. a. zu prüfen, inwieweit die als Probe-Stimuli verwendeten Umweltgeräusche aufgrund ihres Orientierungscharakters Verarbeitungsressourcen kurzzeitig von der Bearbeitung der primären Aufgaben abziehen (Ablenkung). Andererseits eröffnen sich mit dem vorgestellten methodischen Vorgehen Möglichkeiten einer detaillierten individuelle Besonderheiten der zentralnervösen Informationsverarbeitungsstrategie berücksichtigenden Beanspruchungsanalyse, die sowohl für die Beantwortung spezieller Fragen zur menschengerechten Gestaltung von Arbeitsanforderungen als auch für die Objektivierung der individuellen Verarbeitungskapazität und ihrer Änderungen im Zeitverlauf geeignet ist.
Bibliografische Angaben
Titel: Beanspruchungsdiagnostik bei Daueraufmerksamkeitsleistungen. Methodenentwicklung zur psychophysiologischen Untersuchungen psychischer Arbeitsbeanspruchung (Abschlußbericht)
1. Auflage.
Bremerhaven:
Wirtschaftsverlag NW Verlag für neue Wissenschaft GmbH, 1998.
(Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Forschungsbericht
, Fb 815)
ISBN: 3-89701-215-4, Seiten: 68, Papier
vergriffen