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Wirkungszusammenhänge und Evaluation im Arbeitsschutz

Ein umfassendes Verständnis für die Erfolgsfaktoren des Arbeitsschutzes entwickeln

Durch Forschung, Entwicklung und Politikberatung möchte die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zur Wirksamkeit des betrieblichen Arbeitsschutzes beitragen und seine konzeptionelle Weiterentwicklung unterstützen.

Die BAuA richtet ihre Wirkungsforschung im Arbeitsschutz insbesondere darauf aus, Veränderungen in der Wirksamkeit von Arbeitsschutz-Strukturen und Einflussgrößen der Präventionspraxis zu analysieren.

Veränderungen in der Wirksamkeit von Arbeitsschutz-Strukturen

Der Wandel der Arbeitswelt bringt für Beschäftigte neue Anforderungen und Belastungen mit sich. Das führt auch zu veränderten Rahmenbedingungen für die bisherigen Strukturen und Instrumente des betrieblichen und überbetrieblichen Arbeitsschutzes.

Für die Umsetzung von gesetzlichen Anforderungen stehen Betrieben zwar vielfältige Unterstützungsangebote zur Verfügung. Trotzdem hat nur eine begrenzte Anzahl von Betrieben die entsprechenden Maßnahmen – beispielsweise den fortlaufenden Prozess der Gefährdungsbeurteilung − nachhaltig in ihre Ablauforganisation integriert.

Einflussgrößen auf die Präventionspraxis

Angesichts dieser Diskrepanzen beleuchtet die BAuA relevante Einflussgrößen der Umsetzung und Ausgestaltung von betrieblichen Arbeitsschutzmaßnahmen. Ausgangspunkt der Überlegungen ist dabei, dass Instrumente des Arbeitsschutzes in dynamischen sozialen Kontexten unterschiedlich ausgestaltet werden. Eine Vielzahl von Faktoren wirkt hier zusammen und nimmt Einfluss auf die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Beschäftigten. Zu diesen Einflussgrößen gehören neben strukturellen Merkmalen und Arbeitsabläufen auch die Handlungsorientierungen, Motive und Einstellungen der Akteure. Entsprechend ist es notwendig, die betrieblichen Zielgruppen in die Umsetzung des Arbeitsschutzes einzubeziehen.

Arbeitsschutzmaßnahmen können einerseits die Technik, die Organisation und die Arbeitsabläufe verändern, andererseits aber auch das Verhalten und die Einstellungen von Beschäftigten und Führungskräften. Technik, Organisation und Arbeitsabläufe variieren nach Branche und Betriebsgröße, während die Einstellungen von Führung und Belegschaft zugleich von der jeweils vorhandenen Präventionskultur geprägt werden und Ausdruck dieser Präventionskultur sind. So bestimmt ein breites Spektrum an Faktoren die Ausgestaltung des Arbeitsschutzes mit.

Gutachten zu fördernden und hemmenden Faktoren

In betrieblichen Organisationen hat man es mit komplexen Wirkungsketten zu tun, die sich an unterschiedlichen Stellen förderlich oder hemmend auf die Arbeitsschutzpraxis auswirken. Interessante Anregungen für die Untersuchung von Wirkungsketten bietet das von der BAuA beauftragte Gutachten "Arbeitsschutz und betriebliche Gesundheitsförderung – vergleichende Analyse der Prädiktoren und Moderatoren guter Praxis". Die Datenbasis für die systematische Literaturauswertung bildeten Reviews und Metaanalysen von 185 Interventionsstudien im Arbeitsschutz und in der betrieblichen Gesundheitsförderung, die seit 2005 publiziert wurden. In den Studien zeigte sich eine hohe Übereinstimmung sowohl bei den fördernden als auch bei den hemmenden Einflussgrößen im Arbeitsschutz und in der betrieblichen Gesundheitsförderung. Die genaue Wirkungsweise sowie die Wechselwirkungen zwischen den Einflussgrößen wurden bisher aber nicht ausreichend systematisch untersucht.

Wirkungsprozess im betrieblichen Kontext

Komplexe Interventionen in Betrieben oder Organisationen werden nach dem Gutachten grundsätzlich an neun Stellen durch moderierende Größen beeinflusst (siehe Grafik zum Wirkungsmodell) . Dadurch wird ein komplexer Ursache-Wirkungsprozess zwischen den Interventionen und den Ergebnissen abgebildet. In dem Gutachten wird die Wirkungskette nach der Implementierung im Unternehmen um die Phase der Stabilisierung des neuen Status quo ergänzt. Der neue Status quo zeigt sich unter anderem an Merkmalen des sozialen Kontexts wie beispielsweise dem Sicherheits- und Gesundheitsklima oder dem Wissen und der Einstellung der Beschäftigten. Diese "weichen Faktoren" beeinflussen wiederum relevante Kennzahlen auf Unternehmensebene, zum Beispiel Unfallraten, krankheitsbedingte Fehlzeiten und Indikatoren des Wohlergehens der Beschäftigten.

Wirkungsmodell in Anlehnung an Robson et al. Darstellung aus Elke et al. 2015: Arbeitsschutz und betriebliche Gesundheitsförderung - vergleichende Analyse der Prädiktoren und Moderatoren guter Praxis., © BAuA

Evaluation und explorative Wirkungsforschung

Wirkungsforschung - zur Untersuchung einer oder mehrerer Wirkungsketten wie oben dargestellt - lässt sich danach unterscheiden, ob sie explorativ oder hypothesenüberprüfend ist. In der hypothesenüberprüfenden Wirkungsforschung wird die Wirkung von Interventionen auf eine spezifische Variable betrachtet, die aufgrund bestimmter Annahmen über den Wirkungszusammenhang bereits im Vorfeld ausgewählt wurde. Für diese Art der Wirkungsforschung wird hier der Begriff der Evaluation verwendet.

In der explorativen Wirkungsforschung hingegen werden die Wirkungszusammenhänge von Interventionen erkundet. Ziel ist dabei, neue Hypothesen zu formulieren und die relevanten Variablen zur Überprüfung der Hypothesen zu identifizieren.

Methodische Zugänge

Mit diesen Erläuterungen sollte deutlich werden, dass in der Arbeitsschutzpraxis Sachverhalte und die damit zusammenhängende Wirksamkeit kontextabhängig gesehen werden müssen. Der Begriff der Evidenz bietet einen Orientierungsrahmen, um die Wirkungsketten komplexer Interventionen im Kontext untersuchen zu können (siehe Grafik "Erweitertes Evidenz-Prisma"). Allgemein ist mit dem Begriff Evidenz die höchste Gewissheit eines Sachverhalts gemeint.

Erweitertes Evidenz-Prisma: Studientypen und ihre Anwendungsfelder Darstellung in Anlehnung an Elkeles / Broesskamp-Stone 2010: Evidenzbasierte Gesundheitsförderung. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Leitbegriffe der Gesundheitsförderung. Köln.

Zwar erfordert die Evidenz von Kausalität grundsätzlich eine Vergleichsgruppe, die weder vorher noch nachher von der Maßnahme betroffen ist und sich ansonsten möglichst nicht von den Untersuchungseinheiten unterscheidet, die von der Maßnahme betroffen sind. Da die Bildung von Kontrollgruppen aber häufig schwierig oder aus ethischen Gründen überhaupt nicht möglich ist, können anspruchsvolle statistische Verfahren ggf. eine Alternative darstellen. Diese quantitativen Methoden erlauben in Wirkungsforschung und Evaluation in der Regel aber keine Aussagen über die Wirkungszusammenhänge, die sich hinter dem Ursache-Wirkungs-Verhältnis verbergen.

Mit qualitativen Methoden wie zum Beispiel leitfadengestützten Interviews, die inhaltsanalytisch oder mit rekonstruktiven Verfahren ausgewertet werden, können mögliche Wirkungszusammenhänge beleuchtet werden. Qualitative Methoden helfen zudem, ein Verständnis für die Gründe der Wirksamkeit einer Maßnahme auf eine oder mehrere abhängige Variablen zu entwickeln. Auch die Beleuchtung komplexer Wirkungszusammenhänge zum Zwecke der Theoriebildung ist mit qualitativen Methoden möglich. Sie sind deshalb gerade für explorative Wirkungsforschung gut geeignet. Explorative Wirkungsforschung kommt insbesondere dann zum Einsatz, wenn die Wirkungen einer Intervention oder die relevanten Einflussfaktoren der empirischen Präventionspraxis von Betrieben zunächst unklar sind.

Aus den Ergebnissen explorativer Forschung können dann Hypothesen zu den hemmenden und fördernden Faktoren für eine effektive Arbeitsschutzpraxis entwickelt werden. Diese theoretischen Annahmen werden gegebenenfalls im Rahmen von Mixed-Method-Designs quantitativ weiter abgesichert.