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Mobile Arbeit

Chancen und Risiken orts- und zeitflexibler Arbeit

Räumliche und zeitliche Mobilität betrifft potenziell alle Erwerbstätigen, impliziert unterschiedliche Arbeitszeitmodelle und Mobilitätsformen und ist mit verschiedenen Chancen und Risiken für die Beschäftigten verbunden. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat eine Übersicht über die Belastungsrisiken unterschiedlicher Formen räumlicher Mobilität erstellt und gibt Handlungsempfehlungen zur Gestaltung mobiler Arbeit.

mehrere Personen sitzen an ihren Computern © Uwe Völkner, Fotoagentur FOX

Die Digitalisierung der Arbeitswelt hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass flexible Arbeitsformen immer mehr an Bedeutung gewinnen und damit zunehmend in den Fokus gesellschaftspolitischer Diskussionen rücken. Zeitliche und räumliche Flexibilität führen dabei zu einer Zunahme der "mobilen Arbeit" und tragen zur Entgrenzung von Arbeit und Privatleben bei.

Chancen und Risiken der Mobilität

Die bisherige Forschung zeigt, dass flexible Arbeitsformen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern und die Motivation und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten verbessern können. Andererseits besteht aber auch die Gefahr von erhöhtem Arbeitsvolumen, größerer Arbeitsintensität und unterbrochenen Erholungsphasen mit möglichen gesundheitlichen Folgen.

Während flexible Arbeitszeiten bereits seit längerem untersucht werden, steht die Forschung zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Mobilität noch am Anfang. Mit einer Übersichtsarbeit hat die BAuA den derzeitigen Wissensstand dokumentiert und leitet daraus erste Handlungsempfehlungen zur Gestaltung gesunder Mobilität ab.

Mobilitätsformen

Mobilitätsformen können in berufsassoziierte und berufsbedingte Formen unterschieden werden:

  • Berufsassoziierte Mobilität ist der Arbeit vor- und nachgelagert und dient dazu, berufliche und außerberufliche Anforderungen zu koordinieren (Pendeln, Umzug). Dauer, Häufigkeit, Rhythmus und Rahmenbedingungen berufsassoziierter Mobilität sind in der Regel nicht betrieblich festgeschrieben und sind daher auch nur bedingt durch betriebliche Maßnahmen veränderbar.
  • Berufsbedingte Mobilität ergibt sich aus Mobilitätserfordernissen der Arbeit selbst und lässt sich danach unterscheiden, ob sie durch eine Aufgabenerledigung an wechselnden oder wiederkehrenden Orten verursacht wird (Geschäftsreisen, Vor-Ort-Arbeit, Entsendungen) oder ob die Bewegung an sich zentrales Aufgabenelement ist (Transport- und Beförderungsaufgaben). Dauer, Häufigkeit, Rhythmus und Rahmenbedingungen berufsbedingter Mobilität werden betrieblich festgelegt und sind somit auch durch betriebliche Maßnahmen veränderbar.

Gesundheitliche Folgen und Einflussfaktoren

Pendeln, Entsendungen, Geschäftsreisen

Je nach Mobilitätsform zeigen sich spezifische Anforderungen und Belastungen mit unterschiedlichen Folgen für die psychosoziale Gesundheit. Der erhöhte verkehrsbedingte Stress beim täglichen Pendeln ist mit zahlreichen psychosomatischen Beschwerden verknüpft. Bei Wochenpendlern ist die Trennung von der Familie mit Gefühlen der Entwurzelung und Vereinsamung und erhöhten Trennungsrisiken verbunden. Bei Entsendungen sind die mitreisenden Angehörigen zum Teil stärker von den Folgen der Entsendung betroffen als die entsandte Person selbst. Insbesondere bei Vor-Ort-Arbeit, aber auch bei Geschäftsreisen treffen verkehrsbedingte und psychosoziale Belastungen zusammen und können vor allem unter der Bedingung hoher Arbeitsintensität und Verdichtung zu multiplen gesundheitlichen Risiken werden.

Mobilitätsintensität und andere Faktoren

Für die Gesundheit ist neben den persönlichen, beruflichen und privaten Rahmenbedingungen die Mobilitätsintensität relevant, die über die Wegezeit, die zurückzulegenden Strecken sowie die Häufigkeit der Reisen bestimmt werden kann. Über alle Mobilitätsformen hinweg werden Kontrollaspekte und hier vor allem Vorhersehbarkeit und Planbarkeit der Mobilität als gesundheitsschützende Ressourcen identifiziert. Neben verkehrsbedingten Belastungen wie Staus, Verspätungen oder Enge in öffentlichen Nahverkehrsmitteln werden insbesondere eine hohe Arbeitsintensität und Zeitdruck (am Arbeitsplatz, für bestimmte Mobilitätsformen aber auch am Wochenende zu Hause) sowie private und/oder berufliche Konflikte als die wichtigen mobilitätsrelevanten Belastungen genannt.

Von hervorgehobener Bedeutung für alle Mobilitätsformen ist das Thema Zeitsouveränität, wobei sich in jeder Mobilitätsform sehr unterschiedliche Problemlagen und Erfordernisse ergeben. In engem Zusammenhang damit steht das Thema Arbeitsintensivierung: Eine zu große Arbeitsintensität kann alle potenziell positiven Effekte der Mobilität für die psychosoziale Gesundheit einschränken bzw. zerstören.

Problem Entgrenzung

Als ein gemeinsames belastungsrelevantes Thema aller Mobilitätsformen zeigt sich die Entgrenzung von Belastungen. So wirkt beispielsweise Zeitdruck nicht mehr nur in der Arbeitszeit und am Arbeitsort, sondern auch im Privatleben und in den "Mobilitätszonen" zwischen Arbeit und Familie. Eine hohe Arbeitsintensität führt zu Zeitdruck zu Hause, dadurch verschärfen sich familiäre Belastungen, die Beziehungsqualität leidet, die Belastungsspirale droht zu eskalieren. Derartige entgrenzungsbedingte Eskalationen sind zwar nicht neu, erhalten aber eine zusätzliche Dynamik, da die Mobilität zusätzliche Zeit raubt.

Gestaltungsempfehlungen

Grundsätzlich geht es auf der Ebene der Gestaltung darum, die Rahmenbedingungen für mobile Arbeits- und Lebensformen so zu gestalten, dass Mobilität möglichst behinderungsfrei und gesundheitsgerecht erfolgen kann und der soziale Kontakt und die Bindungsfähigkeit beruflich mobiler Erwerbspersonen betrieblich und persönlich aufrechterhalten werden kann.

In Bezug auf die Gestaltung berufsassoziierter und berufsbedingter Mobilitätsformen ergeben sich bedeutsame Unterschiede:

  • Im erstgenannten Fall ist die Mobilität der regulären Arbeitszeit vor- und nachgelagert und fällt damit vorrangig in den Verantwortungsbereich der Einzelpersonen bzw. gesellschaftspolitischer Institutionen.
  • Im Fall der berufsbedingten Mobilität fällt die Gestaltung der Mobilitätsbedingungen eindeutig in den Verantwortungsbereich des Betriebes und verweist dabei auf ein Grundproblem arbeitspolitischer Gestaltung: Regulierungen können schnell als restriktive Regelungen und Eingriffe in die persönliche Autonomie empfunden werden. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Belastungen und Überforderungen von Multimobilen, auf die strukturell reagiert werden muss.

Regulierungen müssen daher Ambivalenzen aufgreifen und Rahmenbedingungen schaffen, in denen eine höchstmögliche Autonomie der Betroffenen gewährleistet bleibt. Zentrale Ansatzpunkte dafür bestehen in der Schaffung größtmöglicher Vorhersehbarkeit, Beeinflussbarkeit und Kontrollierbarkeit durch Partizipation bei der Ausgestaltung der konkreten Mobilitätsbedingungen sowie in der Gewährung von Entscheidungs- und Zeitspielräumen.

Individuelle, betriebliche und gesellschaftliche Abstimmung

Um Beschäftigte über verschiedene Lebensphasen hinweg zu befähigen, gesund mobil zu sein, sind darüber hinaus betriebliche und individuelle Mobilitätsbedingungen aufeinander abzustimmen. Auf der individuellen Ebene muss die Mobilitätskompetenz in Abhängigkeit von den jeweiligen Mobilitätsformen entwickelt werden. Auf der betrieblichen Ebene kann ein umfassendes Mobilitätsmanagement Strukturen und Bedingungen schaffen, die mobile Arbeitsformen unterstützen. Auf der gesellschaftlichen Ebene müssen rechtliche und politische Entscheidungen hinsichtlich der Weiterentwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien, der Verkehrsbedingungen, vor allem aber der Neugestaltung der Grenzen von Arbeit und Nichtarbeit getroffen werden. Es sind darüber hinaus Schutzmechanismen aufzubauen, die prekäre, ungeschützte und illegitime Formen beruflicher Mobilität untersagen.

Weiterer Forschungsbedarf


Zusammengefasst zeigt sich, dass jede Mobilitätsform andere Wirkungen auf die Gesundheit der Betroffenen und ihrer Angehörigen entfalten kann. Auch bei heterogener Befundlage kann festgehalten werden, dass räumliche Mobilität für die Gesundheit von erwerbstätigen Personen einen wichtigen Einflussfaktor darstellt, der über sehr unterschiedliche Mechanismen positive wie auch negative Wirkung entfalten kann. Eine isolierte Betrachtung der Wirkungen der Mobilität auf die Gesundheit ohne Berücksichtigung der konkreten Lebens- und Arbeitsbedingungen ist jedoch kaum möglich und auch wenig sinnvoll.

Menschliche Bedürfnisse und Mobilität bestmöglich miteinander vereinen

Zukünftige Forschung muss Antworten auf die Fragen finden, wie grundlegende menschliche Bedürfnisse nach Bindung, Nähe und Vertrauen unter Mobilitätsbedingungen bestmöglich realisiert werden können. Die fortschreitende Digitalisierung kann hier sicher im Sinne einer Unterstützung genutzt werden, jedoch müssen ihre Möglichkeiten und Grenzen noch ausgelotet werden.

  • Wie viel physische Präsenz ist in betrieblichen und privaten Settings erforderlich?
  • Wo liegen die Möglichkeiten und Grenzen virtueller Kommunikation und Führung?
  • Inwieweit können neue digitale Instrumente physische Präsenz und Face-to-Face-Kontakt ersetzen?
  • Für welche betrieblichen und sozialen Bedingungen besteht auch zukünftig "Anwesenheitspflicht"?

Zukünftige Forschung muss weiterhin untersuchen, wie Zeitsouveränität so gestaltet werden kann, dass mobile Erwerbstätige die Vorteile der Mobilität auch tatsächlich als Gesundheitsressource nutzen können.

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