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Schritt 2: Ermitteln

Was muss ich ermitteln?

Grundsätzlich müssen nur die tatsächlich vorhandenen Gefährdungen, die typisch (signifikant) für den betreffenden Arbeitsplatz sind und die Beschäftigten am Arbeitsplatz betreffen können, erfasst werden.

Zu berücksichtigen sind sowohl Gefährdungen, die zu Unfällen führen können, als auch arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren.

Nach dem Arbeitsschutzgesetz ergeben sich Gefährdungen insbesondere durch

  • die Gestaltung und die Einrichtung der Arbeitsstätte einschließlich aller Verkehrswege, Arbeits-, Lager-, Sanitär-, Aufenthaltsräume und des Arbeitsplatzes,
  • physikalische, chemische und biologische Belastungen,
  • die Gestaltung, die Auswahl, den Einsatz, den Zustand von Arbeitsmitteln (Maschinen, Geräte, Anlagen, Werkzeuge) und Arbeitsstoffen sowie den Umgang damit und den Umgang mit den zu bearbeitenden Arbeitsgegenständen,
  • die Gestaltung von Arbeits- und Fertigungsverfahren,
  • die Gestaltung der Arbeitsorganisation (Arbeitsabläufe, Arbeitsteilung, Arbeitszeit, Pausen, Verantwortung)
  • die unzureichende Qualifikation, Fähigkeit und Fertigkeit sowie unzureichende Unterweisung der Beschäftigten sowie
  • psychische Belastungen bei der Arbeit.

Gefährdungen können auch auftreten durch

  • die Arbeitsumgebungsbedingungen wie Klima, Beleuchtung, Licht sowie
  • die Auswahl und die nicht sachgerechte Benutzung von persönlichen Schutzausrüstungen.

Um die Gefährdungen systematisch und vollständig zu erfassen, sollten Sie sich an einer Liste von prinzipiell möglichen Gefährdungen orientieren. Eine grundsätzliche Orientierung zur Bewertung möglicher Gefährdungen finden Sie in der Übersicht der Gefährdungsfaktoren der Leitlinie Gefährdungsbeurteilung (Anlage 1).

Beachten Sie auch, dass bei unterschiedlichen Betriebszuständen unterschiedliche Gefährdungen entstehen können. Die folgenden Betriebszustände sollten Sie in Ihre Beurteilung einbeziehen:

  • Normalbetrieb
  • Ingangsetzen
  • Einrichten
  • Probebetrieb
  • Stillsetzen
  • Wartung/Pflege
  • Instandsetzung
  • Störungen/Ausfälle

Prüfen Sie schrittweise alle Arbeitsbereiche, Arbeitsplätze bzw. Arbeitstätigkeiten. Bei gleichartigen Arbeitsstätten, gleichen Arbeitsverfahren und Arbeitstätigkeiten sind die Gefährdungen nur einmal zu ermitteln und zu beurteilen.

Wie gehe ich vor?

Voraussetzung für alle weiteren Schritte der Gefährdungsbeurteilung ist es, die Gefährdungen in Ihrem Betrieb zu erkennen und zu erfassen. Die Ermittlung der Gefährdungen sollte immer vor Ort an den einzelnen Arbeitsplätzen und unter Einbeziehung der betroffenen Mitarbeiter erfolgen.

Es gibt zwei Methoden der Gefährdungsermittlung:

  • die direkte (vorausschauende oder präventive) Methode, zum Beispiel mittels Arbeitsplatzbegehungen und/oder Befragungen und
  • die indirekte (zurückschauende) Methode, zum Beispiel mittels Unfalluntersuchungen und/oder Untersuchung arbeitsbedingter Erkrankungen.

Direkte (vorausschauende oder präventive) Methode

Bei der direkten Methode werden Arbeitssysteme und -abläufe auf Gefährdungen untersucht, die noch nicht zu Unfällen geführt haben. Präventiv Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen zu verhindern, ist das oberste Gebot!

Die direkte Ermittlung von Gefährdungen erfolgt in sechs Schritten:

1. Ermittlung der relevanten Gefährdungsfaktoren

Ermitteln Sie alle Gefährdungen und Belastungen (gekennzeichnet durch Gefährdungsfaktoren), welche die Beschäftigten am Arbeitsplatz betreffen können. Dabei müssen auch Mängel im betrieblichen Arbeitsschutzmanagement aufgedeckt werden, die das Auftreten von Gefährdungen begünstigen.

Hinweis:

Näheres zum Thema Betriebliches Arbeitsschutzmanagement finden Sie in der Rubrik Welche Rolle spielt die betriebliche Organisation?
Ausführliche Informationen zu Gefährdungsfaktoren finden Sie in der Rubrik Expertenwissen.

2. Ermittlung der Gefahrenquellen

Ermitteln Sie die Ursache für die möglichen Gefährdungen - die Gefahrenquelle.

3. Ermittlung der gefahrbringenden Bedingungen

Ermitteln Sie die Gegebenheiten, die ein Zusammentreffen des Gefährdungsfaktors mit dem Menschen ermöglichen (gefahrbringende Bedingungen). Es sind meist bekannte Bedingungen.

4. Beachtung besonderer Leistungsvoraussetzungen bei den Beschäftigten

Prüfen Sie, ob besondere individuelle Leistungsvoraussetzungen der Beschäftigten zu berücksichtigen sind, z.B. bei Jugendlichen, älteren Arbeitnehmern, werdenden Müttern, Behinderten oder bei Beschäftigten, die der deutschen Sprache nicht vollständig mächtig sind.

Beispiel:

Während einige Gefährdungsfaktoren "nicht alternskritisch" sind, müssen bestimmte Gefährdungsfaktoren auch in Abhängigkeit vom Alter der Beschäftigten betrachtet werden.1)
So sind zum Beispiel elektrische Gefährdungen, Gefahrstoffe, biologische Gefährdungen usw. nicht alternskritisch zu sehen, während Gefährdungen durch spezielle physikalische Einwirkungen (zum Beispiel Ganzkörper- oder Hand-Arm-Vibrationen), physische Belastungen (Heben und Tragen von Lasten) und psychische Belastungen alternskritisch zu betrachten sind.

Für den Mutterschutz gilt:
„Im Rahmen der Beurteilung der Arbeitsbedingungen nach § 5 des Arbeitsschutzgesetzes hat der Arbeitgeber für jede Tätigkeit … die Gefährdungen nach Art, Ausmaß und Dauer zu beurteilen, denen eine schwangere oder stillende Frau oder ihr Kind ausgesetzt ist oder sein kann, …“2)
Arbeitgeber sind also gehalten, sich auf die Möglichkeit vorzubereiten, dass eine Beschäftigte eine Schwangerschaft anzeigt. Das bedeutet für Arbeitgeber, im Zusammenhang mit der Beurteilung der Arbeitsbedingungen nach § 5 des Arbeitsschutzgesetzes, für alle Tätigkeiten auch eine (abstrakte) Gefährdungsbeurteilung im Falle einer Schwangerschaft durchzuführen. Mehr dazu finden Sie im Beitrag "Welche Rolle spielt der Mutterschutz?".

5. Informationssammlung

Prüfen Sie, ob es für die ermittelten Gefährdungsfaktoren staatliche oder berufsgenossenschaftliche Vorschriften (Gesetze, Verordnungen, Unfallverhütungsvorschriften usw.) oder Technische Regeln gibt, die eingehalten werden müssen (z.B. Arbeitsplatzgrenzwerte bei Gefahrstoffen).
Existieren derartige Vorgaben, müssen diese eingehalten werden!

Bei Nichteinhaltung müssen sofort Schutzmaßnahmen ergriffen werden, siehe Schritte 4 und 5: Maßnahmen festlegen und Maßnahmen durchführen.

6. Überprüfung, ob eine Gefährdung vorliegt

Prüfen Sie, ob ein erkannter verletzungsbewirkender oder krankheitsbewirkender Faktor tatsächlich Auswirkungen auf Beschäftigte haben kann.

Indirekte (zurückschauende) Methode

Unfalluntersuchungen und vertiefte Ereignisanalysen (Root Cause Analysis)

Bei der indirekten Methode werden Erkenntnisse aus bereits aufgetretenen Ereignissen, d.h. Unfällen und Beinaheunfällen, in die Gefährdungsermittlung mit einbezogen. Dies können bei der Erstbeurteilung auch Ereignisse aus anderen Betrieben mit vergleichbaren Tätigkeiten sein. Ansonsten dient diese Vorgehensweise der Aktualisierung einer bestehenden Gefährdungsbeurteilung.

Herleiten des Unfallherganges / Ermitteln der Unfallursache(n)

Um aus Ereignissen zu lernen und nachhaltige Lösungen zu finden, ist es wichtig die vordergründigen Ursachen zu hinterfragen und die tatsächlichen hintergründigen Ursachen zu ermitteln. Hierzu sollte der Unfallhergang über folgende Kernfragen reproduziert werden:

  1. Was ist passiert?
  2. Was ist abgelaufen?
  3. Wo lief etwas schief und warum?
  4. Welche Hauptursachen erkennen wir?
  5. Was können wir unternehmen?

Die Durchführung von vertiefenden, ganzheitlichen Analysen, die über "einfache" Unfalluntersuchungen hinaus gehen, ist in vielen Fällen sinnvoll. Sie liegt besonders nahe bei Ereignissen, die mit höheren Risiken verbunden sind oder die komplex erscheinen.

Grundsätzlich sind bei allen Unfalluntersuchungen, insbesondere jedoch bei vertiefenden Ereignisanalysen, folgende Qualitätsmerkmale wesentlich:

  • Sorgfältige Ermittlung aller relevanten Fakten
  • Einbezug von beteiligten/betroffenen Mitarbeitern und Experten in den Analyseprozess
    Vermeiden von Schuldzuweisungen
  • Berücksichtigung auch von indirekten Einflüssen, die aus der Unternehmensorganisation, dem Arbeitssystem oder aus kulturellen Aspekten resultieren.

Zuordnung von Gefahrenquellen und gefahrbringenden Bedingungen

Aus dem Unfallhergang und den ermittelten tatsächlichen Ursachen sind die Gefahrenquellen und die Bedingungen zum Wirksamwerden zu bestimmen.

Es ist zu überprüfen, ob

  • Gefahrenquellen und Bedingungen ergänzt und
  • entsprechend Schutzmaßnahmen erweitert und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit überdacht werden müssen oder
  • es angezeigt erscheint, Verfahrens- und Arbeitsabläufe sowie das Schutzkonzept neu zu gestalten.

Bei der Gestaltung der Verfahrens- und Arbeitsabläufe sowie des Schutzkonzeptes ist das vorrangige Ziel, Gefahrenquellen von vornherein sicher auszuschließen, zum Beispiel durch Substitution von Gefahrstoffen oder durch Gewährleistung inhärenter Prozesssicherheit.

Informationsquellen

Anleitungen zur Untersuchung von Ereignissen und einer nachhaltigen Lösungsfindung befinden sich insbesondere unter dem Stichwort "Root-Cause-Analysis" in Informationsschriften von Beratungsfirmen zur Anlagen- und Betriebssicherheit.

Als Ergebnis des BAuA-Projektes F 2287 "Ermittlung grundlegender Ursachen von Unfällen, Ereignissen (Schadensfällen) und Beinahe-Unfällen (Root-Cause-Analysis) zur Prävention in kleinen und mittleren Unternehmen" wurde ein Leitfaden zur Unfallanalyse für kleine und mittelständische Unternehmen entwickelt. In diesem Leitfaden wird ein mögliches Vorgehen bei der Untersuchung von Arbeitsunfällen vorgestellt, das geeignet ist, tiefer liegende Ursachen zu identifizieren und somit das Lernpotenzial aus Unfällen zu nutzen. Der Leitfaden basiert auf einer Unternehmensbefragung, auf vertiefenden Interviews in verschiedenen Unternehmen sowie auf der Sichtung von "Best Practices" und benannten Problemen bei der Analyse von Unfällen in der Praxis.
Der Leitfaden ist ein Auszug aus dem Forschungsbericht "Ganzheitliche Unfallanalyse - Leitfaden zur Ermittlung grundlegender Ursachen von Arbeitsunfällen in kleinen und mittleren Unternehmen"

Informationen zu Ereignissen in anderen Betrieben sowie weitere Hinweise zur Betriebs- und Anagensicherheit finden Sie auf den Internetseiten

1) Quelle: "Alternsgerechte Arbeit gestalten", Arbeitshilfe IG Metall , NRW, Fankfurt am Main, 2007
2) Quelle: Mutterschutzgesetz §10, Abs (1)

Welche Hilfsmittel zur Ermittlung von Gefährdungen kann ich nutzen?

Als Hilfestellung für ein systematisches Vorgehen zur Ermittlung möglicher Gefährdungen können Sie Checklisten und Gefährdungskataloge verwenden.

Checklisten

Checklisten sind vor allem für kleinere und mittelgroße Betriebe gedacht. Sie sollen Informationen zur Durchführung der Gefährdungsbeurteilung sowie zu typischen Gefährdungen und Schutzmaßnahmen für eine bestimmte Branche, für Tätigkeitsgruppen oder Berufsgruppen vermitteln. Die Informationen sind in Form einer Prüfliste zusammengestellt, die gleichzeitig zur Dokumentation der Ergebnisse genutzt werden kann.

Checklisten finden Sie bei Ihrem zuständigen Gewerbeaufsichtsamt bzw. Amt für Arbeitsschutz oder branchenspezifisch bei Ihrem Unfallversicherungsträger. Die von der Arbeitsschutzverwaltung Nordrhein-Westfalen bereitgestellte Mustervorlage Checkliste Gefährdungsfaktoren (PDF, 30KB) veranschaulicht beispielhaft, was Checklisten beinhalten sollten.

Gefährdungskataloge

Gefährdungskataloge enthalten Auflistungen typischer Gefährdungen und Schutzmaßnahmen für bestimmte Branchen oder Betriebsbereiche. Sie können Gefährdungskataloge zur Vorbereitung der Gefährdungsbeurteilung nutzen und daraus zum Beispiel betriebsspezifische Checklisten erstellen.

Einen Überblick über verfügbare Checklisten und Gefährdungskataloge der Unfallversicherungsträger, der staatlichen Arbeitsschutzbehörden und weiterer relevanter Anbieter finden Sie auch, wenn Sie in unserer Datenbank mit Handlungshilfen für die Gefährdungsbeurteilung stöbern.

Fachwissen zu den einzelnen Gefährdungsfaktoren wird in unserer Rubrik Expertenwissen vermittelt.

Ermittlung von psychischen Fehlbeanspruchungen

Denken Sie auch an psychische Belastungen am Arbeitsplatz und berücksichtigen Sie diese bei Ihrer Gefährdungsermittlung.

Es gibt verschiedene Verfahren, um psychische Fehlbeanspruchungen zu ermitteln. Um sich einen Überblick über Schwachstellen und Stärken in Bezug auf psychische Belastungen zu verschaffen, reichen orientierende Verfahren (u. a. Einsatz von Checklisten) aus, die ohne arbeitspsychologische Vorkenntnisse angewendet werden können. Zeichnet sich nach Einsatz dieser Verfahren und nach dem Ergreifen von Arbeitsgestaltungsmaßnahmen kein Erfolg ab, müssen spezielle Verfahren, eventuell unter Einbeziehung von Spezialisten, eingesetzt werden.

Um einen Arbeitsplatz und die dort zu verrichtenden Tätigkeiten objektiv beurteilen zu können, ist es oft notwendig, den Arbeitsplatz mehrmals aufzusuchen. Diese Notwendigkeit ergibt sich, wenn zum Beispiel im Schichtzyklus gearbeitet wird, häufig unterschiedliche Mengen an Arbeitsmaterial oder an Informationen in der gleichen Zeit bearbeitet werden müssen oder Tätigkeiten zeitlich variieren.

Bei der Arbeitsplatzbegehung steht die Beobachtung im Vordergrund. Bei der Beobachtung handelt es sich um eine Fremdeinschätzung. Da in den meisten Fällen der Arbeitsplatzinhaber am besten über die Arbeitsbedingungen an seinem Arbeitsplatz Bescheid weiß, ergänzt eine Selbsteinschätzung häufig die Fremdeinschätzung und deckt zusätzliche Schwachstellen auf. Praktikable Verfahren zur Fremd- und Selbsteinschätzung sind in der angegebenen Literaturstelle aufgeführt.