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Interview: Abschluss des Teilprojekts "Scoping Review"

Im Rahmen des BAuA-Projekts F2516 hat ein interdisziplinäres Forscherteam den Stand der Forschung zu Corona und Stigmatisierung als systematische Übersichtsarbeit zusammengefasst – und überraschend viele Veröffentlichungen gefunden. Dr. Uta Wegewitz (BAuA) spricht mit der Projektmitarbeiterin Dr. Melanie Schubert (IPAS Dresden) über die Ergebnisse, deren Übertragbarkeit und Aussagekraft.

Voller Aktenordner und Laptop in einer Bibliothek © iStock/temmuzcan

Portraitfoto der IPAS-Wissenschaftlerin Melanie Schubert Dr. rer. nat. Melanie Schubert, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Arbeits- und Sozialmedizin (IPAS) der TU Dresden, © Stephan Wiegand / TU Dresden

Uta Wegewitz: Frau Schubert, Sie haben mit Ihrem Team systematisch Wissen zum Thema "Stigmatisierung in der Arbeitswelt aufgrund von SARS-CoV-2" zusammengetragen und die Ergebnisse in Form eines Reviews, also einer systematischen Übersichtsarbeit, veröffentlicht. Wie sind Sie vorgegangen?

Melanie Schubert: Wir haben mit mehr als 7.000 Treffern relativ viel gefunden. Zusätzlich zur Suche in drei elektronischen Literaturdatenbanken haben wir sogenannte "graue Literatur" recherchiert. Damit sind Quellen gemeint wie z. B. Konferenzberichte, Vorabveröffentlichungen oder unveröffentlichte Abschlussarbeiten. Unsere Einschlusskriterien waren breiter gefächert als üblich, um auch Studien zu finden, die qualitativ nicht so hochwertig sind. Auf diese Weise konnten wir für unsere Arbeit 22 Querschnittsstudien, zwei Längsschnittstudien, elf qualitative Studien, sechs systematische Reviews, drei Studienprotokolle und eine Interventionsstudie einschließen. Generell wurden die Studien bei Frauen und Männern durchgeführt, die im Gesundheitswesen arbeiten. In der Regel wurde das wahrgenommene Selbststigma der Beschäftigten untersucht.

Uta Wegewitz: Was versteht man unter Selbststigmatisierung?

Melanie Schubert: Darunter versteht man per Definition eine selbst wahrgenommene Abwertung der eigenen Person. Stigmatisierung wird in verschiedene Formen eingeteilt – die Projektpartner vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hatten das sehr gut herausgearbeitet. Die eingeschlossenen Studien wurden dann entsprechend dieser Stigma-Formen zugeordnet. Allerdings war es problematisch, dass in den ohnehin sehr unterschiedlichen Studien verschiedene Messinstrumente verwendet wurden. Viele Studien haben nur eine Frage gestellt, zum Beispiel "Fühlen Sie sich stigmatisiert?", während andere Studien umfangreiche Fragebögen genutzt haben. 

Viele Ergebnisse, geringe Studienqualität

Uta Wegewitz: Ziel des Reviews war ja, herauszufinden, ob und in welchen Formen Stigmatisierung auftritt, wie häufig und in welchen Berufsgruppen sie vorkommt. Was können Sie dazu sagen?

Melanie Schubert: Die Frage nach der Häufigkeit ist schwierig zu beantworten. Es ist sehr problematisch, dass die meisten Studien schwerwiegende qualitative Mängel aufgewiesen haben. Viele der quantitativen Studien verwendeten sogenannte "convenience samples", also eine nicht-repräsentative Auswahl der Stichproben durch einfache Verfügbarkeit (z. B. Werbung auf Online-Plattformen, Aushänge an Universitäten). An solchen Studien nehmen eher Betroffene als Nicht-Betroffene teil, was zu einer klaren Verzerrung der Ergebnisse führt. Das macht es schwer, allgemeingültige Aussagen abzuleiten. Insgesamt konnten wir nur sieben Studien nutzen, um die Frage nach der Häufigkeit von Stigmatisierung zu beantworten. In diesen wurde grob angegeben, dass sich etwa 20 bis 30% der Beschäftigten im Gesundheitswesen stigmatisiert fühlten. Eine weitere Studie hat die Stigma-Erfahrungen bei Beschäftigten außerhalb des Gesundheitswesens erfasst. Da lag der Anteil bei ungefähr 5%.

Uta Wegewitz: Entspricht dieses Ergebnis Ihren Erwartungen? Ist das häufig oder hätte man mehr erwartet?

Melanie Schubert: Wir konnten das Auftreten von Stigmatisierung aufgrund der unzureichenden Studienlage nur grob abschätzen. Die Angabe von 20 bis 30% für Beschäftigte im Gesundheitswesen ist nicht verlässlich, da die Studien, die wir nutzen konnten, leider alle von zu niedriger Qualität waren. Allerdings erfolgte die Qualitätsbewertung nach strengen Maßstäben.

Anforderungen an hochwertige Studien

Uta Wegewitz: Wie sollte eine Studie zu den Forschungsfragen in diesem Projekt idealerweise aussehen?

Melanie Schubert: Prinzipiell muss die Rekrutierung der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer gemäß den Kriterien guter wissenschaftlicher Praxis erfolgen. Das heißt, dass man zum Beispiel Vollerhebungen macht, bei denen alle Beschäftigten befragt werden. Außerdem braucht man eine Kontrollgruppe, damit man die Ergebnisse vergleichen und ins Verhältnis setzen kann. Weiterhin muss mit statistischen Verfahren für Einflussfaktoren, wie beispielsweise Alter, Geschlecht oder ob eine psychische Erkrankung vorliegt, korrigiert werden. Um einen zeitlichen Verlauf abzubilden, eignen sich besonders Kohortenstudien gut.

Uta Wegewitz: Welche Faktoren können einen Einfluss auf die Häufigkeit der Stigmatisierung wegen Corona haben und müssen daher in Studien berücksichtigt werden?

Melanie Schubert: Unsere grundlegenden Faktoren waren Alter und Geschlecht. Aber nur eine Studie hat geschlechterspezifische Unterschiede in ihrer Analyse berücksichtigt und kam zu dem Ergebnis, dass sich Frauen eher stigmatisiert fühlten als Männer. Generell gibt es jedoch noch keine einheitlichen Ergebnisse. Der Einfluss des Alters wurde prinzipiell nicht berücksichtigt. Ein weiterer Faktor, der Einfluss auf Stigmatisierungserfahrungen haben kann, sind psychische Erkrankungen. Bei den Zusammenhangsanalysen wurden zum Teil relative Risiken dafür angegeben, aufgrund von Corona stigmatisiert zu werden, und für Alter und Geschlecht korrigiert.

Klarer Zusammenhang: Stigmatisierung macht krank

Uta Wegewitz: Welche Auswirkungen hat Stigmatisierung auf die Gesundheit der Beschäftigten? Welche Aussagen lassen die vorhandenen Studien zu und wie belastbar sind diese?

Melanie Schubert: Für die Zusammenhangsanalyse, welchen Einfluss Stigmatisierung auf die Gesundheit hat, konnten wir auch die Studien betrachten, die auf "convenience sampling" basieren, weil die Aussage für Verzerrungen weniger anfällig ist. Die Studien, die Stigmatisierung im Zusammenhang mit einer Vielzahl von psychischen Erkrankungen untersuchten, haben alle erhöhte Risiken für beispielsweise Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen und verschiedene Stressstörungen festgestellt. Unsere Metaanalyse zu Depressionen und Angststörungen hat ergeben, dass das Risiko, an einer Depression zu erkranken, durch arbeitsbezogene Stigmatisierung im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 um 75% erhöht war.

Uta Wegewitz: Was sind die Gründe dafür, dass es zur Häufigkeit von Stigmatisierung am Arbeitsplatz kaum qualitativ gute Studien gibt? Könnte hier auch die Pandemie selbst eine Rolle spielen?

Melanie Schubert: Ich denke schon, dass das an der Pandemie liegt. Am Anfang waren die Unsicherheit und der Bedarf an neuen Informationen so groß, dass versucht wurde schnell Informationen zusammenzutragen. Dadurch sind die Informationen oft fehlerhaft oder von geringer Qualität. Basierend auf meinen Erfahrungen in der Wissenschaft bin ich der Meinung, dass man lieber weniger publizieren und stattdessen das Augenmerk auf die Qualität legen sollte. Denn letztendlich, das haben wir bei unserer Arbeit gesehen, betreibt man großen Aufwand und kann am Ende trotzdem keine verlässliche Aussage treffen.

Uta Wegewitz: Um schnell zu sein, wird in der Pandemie oft über sogenannte "Preprint-Server" auf vorab-veröffentlichte Studien zugegriffen, die noch nicht von externer wissenschaftlicher oder dritter Seite überprüft worden sind. Wie war das bei Ihrer Literatursuche?

Melanie Schubert: Auch wir haben über Preprint-Server gesucht, aber tatsächlich nur eine Vorab-Publikation eingeschlossen. Diese wurde ein halbes Jahr später in einem Journal veröffentlicht und ist jetzt normal über Suchmaschinen in elektronischen Datenbanken zu finden.

Sauberes Arbeiten bei Übersichtsstudien

Grafik zur Entstehung der systematischen Übersichtsarbeit PEO-Schema (Vergrößerung öffnet sich im neuen Fenster) © BAuA

Uta Wegewitz: Welche Standards und Qualitätskriterien mussten Sie bei Ihrer systematischen Übersichtsarbeit beachten?

Melanie Schubert: Wir haben uns an die gute epidemiologische Praxis gehalten: Das Review-Protokoll wurde vor der Umsetzung mit allen Durchführungsschritten, inklusive klar definierter Ein- und Ausschlusskriterien der Studien, veröffentlicht. Um die Fragestellung klar zu definieren, haben wir das "PEO-Schema" aus der Epidemiologie verwendet. Beispielsweise für die Untersuchung der Forschungsfrage, ob Stigmatisierungen in der Pandemie zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt, würde das PEO-Schema folgendermaßen aussehen: Das steht für "population", in unserem Fall die Beschäftigten im Gesundheitswesen, "exposure", also die Stigmaerfahrungen während der Pandemie, und "outcome", also die Gesundheit. Anhand dessen haben wir Suchbegriffe zu sogenannten "Such-Strings" zusammengestellt und in drei verschiedenen elektronischen Datenbanken gesucht. Diese Suche haben wir mit einer Vorwärts- und Rückwärtssuche komplettiert. Durch die Vorwärtssuche wurden andere Studien gefunden, die die eingeschlossenen Studien nach deren Veröffentlichung zitiert hatten. Die Rückwärtsfunktion bestand aus einem Abgleich der Referenzlisten nach möglichen themenrelevanten Publikationen, die von der eingeschlossenen Studie zitiert worden waren. Zudem haben wir unsere Vorgehensweise und Ergebnisse sehr transparent dargestellt. Mit diesem Vorgehen stellen wir sicher, dass wir methodisch sauber gearbeitet haben.

Uta Wegewitz: An Ihrer Arbeit hat ein großes Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mitgearbeitet. Sie haben in verschiedenen Schritten getrennt voneinander parallel gearbeitet und die Ergebnisse der Literatursuche abgeglichen. Das ist auch ein Qualitätsmerkmal.

Melanie Schubert: Ja. Wir haben eine doppelte Sichtung vorgenommen und alle Arbeitsschritte in unserem sehr interdisziplinären Forscherteam erprobt. Die Kombination aus Stigma-Experten und Epidemiologen hat sich sehr gut ergänzt, und die doppelte Sichtung hat das Risiko, relevante Ergebnisse – so genannte "Treffer" nicht zu finden, minimiert.

Corona und Stigmatisierung weltweit

Uta Wegewitz: Woher stammen die Studien, die Sie in Ihrer Übersichtsarbeit genutzt haben?

Melanie Schubert: Die Studien kamen aus der ganzen Welt. Viele davon aus dem asiatischen Raum. Eine Studie hat verschiedene Länder untersucht. Aus Deutschland konnten wir leider nur eine Studie einschließen.

Uta Wegewitz: Sind die Ergebnisse aus anderen Ländern auf die Situation in Deutschland übertragbar?

Melanie Schubert: Es ist schwierig, weil es gerade in Hinblick auf Stigmatisierung große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern gibt: die öffentliche Debatte, wie mit Informationen über die Pandemie und der Pandemie selbst umgegangen wurde, die kulturellen Aspekte - vielleicht ist es eine Schwäche unserer Studie, dass wir das nicht betrachtet haben.

Uta Wegewitz: Es wäre also wichtig, in Deutschland mehr Forschung dazu zu betreiben, ob und inwieweit das Thema Stigmatisierung aufgrund von Corona hierzulande ein Problem ist?

Melanie Schubert: Ja. Außerdem spielt der zeitliche Aspekt eine große Rolle. Unsere Recherche in den elektronischen Datenbanken fand relativ früh im Pandemieverlauf statt - bis Oktober 2020. Das heißt, die Ergebnisse können schon wieder veraltet sein. Durch die sich permanent wandelnde Situation, beispielsweise durch das Einführen der Selbsttests und der Impfungen, kann sich das Stigmatisierungsgeschehen schon wieder verändert haben.

Ausblick

Uta Wegewitz: Welche weiteren Forschungsaktivitäten zur Stigmatisierung und SARS-CoV-2 wären aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Melanie Schubert: Es würde sich anbieten, den zeitlichen Verlauf zu betrachten, um verschiedene Phasen der Pandemie abzubilden. Auch kulturelle Aspekte sollten berücksichtigt werden. Zudem könnte man bei zukünftigen systematischen Übersichtsarbeiten die Einschlusskriterien strenger machen und ausschließlich Studien einbeziehen, die methodisch adäquat sind. Vielleicht wäre es auch aufschlussreich, qualitativ hochwertige Studien einzubeziehen, die auf vergangene Ausbrüche neuer Krankheiten wie SARS-CoV-1 von 2002/2003 oder MERS-CoV von 2012 ausgerichtet waren. So könnten Erkenntnisse zur Stigmatisierung in vorherigen Ausbrüchen von Infektionskrankheiten verglichen werden.

Zitiervorschlag

Wegewitz, Uta und Schubert, Melanie, 2021. Interview: Abschluss des Teilprojekts "Scoping Review" In: Corona und Stigmatisierung [online]. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Verfügbar unter: https://www.baua.de/DE/Aufgaben/Forschung/Projektblogs/Covid-Stigma-Blog/Artikel/04-IV-Scoping-Review.html

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