Navigation und Service

Springe direkt zu:

Suche

Suchbegriff eingeben

Verbesserung der Ergonomie durch alternative Büroarbeitsplatzkonzepte

1. Einführung

Trotz leichter körperlicher Arbeit und dem vermeintlichen Fehlen "klassischer" Risikofaktoren für Muskel- und Skeletterkrankungen sind gerade Beschäftigte im Bürobereich besonders häufig von muskuloskeletalen Beschwerden betroffen (vgl. Zoike, 1999). Zwar stellen die vorherrschenden Nacken- und Kopfschmerzen, Nacken-Schulter-Arm-Syndrome oder Kreuz- und Rückenschmerzen eher reversible muskuläre Beschwerden dar und sind im Vergleich zu Berufsgruppen mit schwerer muskulärer Arbeit seltener mit einer Arbeitsunfähigkeit verbunden, allerdings wurde die Gesundheit der Beschäftigten im Bürobereich längst als wirtschaftlicher Faktor erkannt, wie die zahlreichen Bewegungs- und Rückenschulprogramme von Krankenkassen und Unternehmen seit Ende der 80er Jahre verdeutlichen.

Der Anteil, den die unterschiedlichen Facetten der Büroarbeit an den muskuloskeletalen Beschwerden haben, ist aufgrund der multikausalen Verursachung zwar nicht eindeutig geklärt. Unstrittig ist aber, dass der sogenannten Verhältnisprävention, bei der die optimale, d. h. menschengerechte Gestaltung der Arbeitsbedingungen im Vordergrund steht, zur Prävention von Muskel- und Skeletterkrankungen eine entscheidende Bedeutung zukommt.

Das Ziel der ergonomischen Arbeitsgestaltung ist es zusammenfassend, für den Menschen eine ausgewogene Beanspruchung durch Anpassung der Arbeitsaufgabe, Arbeitsplatz, -umgebung und -organisation an die menschlichen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bedürfnisse zu erreichen (Abb. 1). Nachfolgend wird in Form eines Überblicks dargestellt, welchen Beitrag alternative Büroarbeitsplatzkonzepte zur Prävention von Muskel- und Skeletterkrankungen leisten. Maßnahmen der sogenannten Verhaltensprävention, bei der die Erforschung und Vermittlung gesundheitsgerechter Verhaltensweisen für die jeweilige im Büro beschäftigte Person im Mittelpunkt steht, werden demgegenüber an dieser Stelle nicht ausgeführt.

Abbildung 1: Einflussfaktoren auf die muskuloskeletale Belastungs- und Beanspruchungssituation am Büroarbeitsplatz (Ansatzpunkte und Beispiele der Verhältnisprävention)

Abb. 1: Einflussfaktoren auf die muskuloskeletale Belastungs- und Beanspruchungssituation am Büroarbeitsplatz (Ansatzpunkte und Beispiele der Verhältnisprävention)

nach oben

2. Ergonomische Gestaltung des Büroarbeitsplatzes

Zur Bestimmung des Präventionspotentials alternativer Bürogestaltung ist es notwendig, die muskuloskeletale Belastungs- und Beanspruchungssituation von Bürobeschäftigten zu charakterisieren: Sie ist hauptsächlich durch die folgenden Beschwerdebilder, die Nacken, Schultern und Rücken, den Kopfbereich sowie die Extremitäten betreffen, gekennzeichnet:

  • Schmerzhafte Einschränkungen der Bewegungsfreiheit
  • Schmerzende Muskelpartien
  • Schmerzende Sehnenansatzstellen und
  • Veränderungen des Bewegungsmusters, die die auftretenden Beschwerden verstärken können (vgl. Schwaninger u.a., 1991)

Die Arbeitsbedingungen, die mit diesen Beschwerden verbunden sind, wurden in den vergangenen Jahrzehnten intensiv untersucht. Als Risikofaktoren für muskuloskeletale Beschwerden wurden zusammenfassend die folgenden Belastungen identifiziert:

  • Unzureichende Arbeitsmittel und Möbel (insbesondere von Arbeitstisch und Stuhl)
  • Ungünstige Positionierung der Hauptarbeitsmittel Tastatur und Bildschirm
  • Fehlende Systemergonomie (Abstimmung der Arbeitsmittel und Möbel und Anpassung an die Arbeitsumgebung)
  • Ungünstige Arbeitsaufgabe mit repetitiven Bewegungsabläufen
  • Zu lange tägliche Arbeitszeit am Bildschirm mit zu wenigen Pausen und geringen Haltungswechseln

Um diesen Belastungsfaktoren wirksam zu begegnen und die Gesundheit der Beschäftigten zu schützen, trat am 20. Dezember 1996 die sogenannte Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV) in Kraft. Da Bildschirmgeräte im Büro- und Verwaltungsbereich nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit (vgl. Troll, 2000) mittlerweile einen Verbreitungsgrad von über 90 % haben, wird somit ein sicherheitstechnisches und ergonomisches Niveau für nahezu alle Büroarbeitsplätze gesetzlich festgeschrieben. Nachdem zum 01.01.2000 auch die Übergangsfrist für alle bereits vor dem 20.12.1996 bestehenden Bildschirmarbeitsplätze abgelaufen ist, gelten die Anforderungen mit nur wenigen Ausnahmen nun für jeden Bildschirmarbeitsplatz, und zwar unabhängig von der Dauer und Intensität der Bildschirmnutzung.

Da sich die umfangreichen Anforderungen in Anlehnung an Abbildung 1 sowohl auf die Arbeitsmittel, Software und Möbel als auch auf die Arbeitsumgebung, die Arbeitsaufgabe und -organisation beziehen und hierzu neben umfangreichen arbeitswissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen auch Sicherheitsregeln und Normen zu berücksichtigen sind, existieren mittlerweile einige Handlungshilfen zur Umsetzung der BildscharbV, die auch die geforderten Arbeitsplatzanalysen einbeziehen.

Die - leider häufig anzutreffende - Meinung, bereits die Einhaltung der Bildschirmarbeitsverordnung führe zur effektiven Prävention muskuloskeletaler Erkrankungen bei Büroarbeit, greift aber zu kurz: Die Berücksichtigung der in der BildscharbV geforderten Kriterien ist zwar als eine notwenige, jedoch nicht als eine hinreichende Bedingung anzusehen. Ein gut gestalteter, d. h. in allen Aspekten nach dem Stand der Technik eingerichteter Arbeitsplatz schafft mit anderen Worten zwar die Voraussetzungen für eine beeinträchtigungsfreie Arbeit, zur Vermeidung von Beschwerden oder zur Förderung der Gesundheit reicht dies allein jedoch nicht aus

nach oben

3. Förderung der Bewegung als Präventionsmaßnahme bei Büroarbeit

Die Gründe hierfür sind vor allem in physiologisch ungünstigen, statischen Körperhaltungen zu sehen, die zu einem Bewegungsmangel am Büroarbeitplatz führen. Im Zeitalter der modernen Informations- und Kommunikationsgesellschaft werden nahezu alle Tätigkeiten im Büro- und Verwaltungsbereich im Sitzen ausgeübt. Dies hat zunächst gute Gründe: Stehen erfordert, vor allem aufgrund der Beteiligung der großen Muskelgruppen im Oberschenkel- und Gesäßbereich, einen deutlich höheren Energieaufwand als das Sitzen. Durch die schnellere Ermüdung eignet sich das Stehen weniger gut für Tätigkeiten mit hohen Konzentrationsanforderungen. Längeres Stehen belastet das Hüftgelenk. Da die Bein-Venen-Muskelpumpe inaktiv ist, können Stauungen des Blutes in den Gefäßen der Beine entstehen, wodurch Venenerkrankungen, wie Krampfadern und Thrombosen, gefördert werden. Hinzu kommt eine geringere Stabilität des Oberkörpers, so dass sich Stehen als Körperstellung vor allem für Tätigkeiten mit z. T. feinmotorischen Anforderungen (Mausbedienung am Computer) zumindest über längere Zeiträume weniger gut eignet.

In der Konsequenz wird Sitzen heute als allgemein akzeptierte Körperhaltung im Bürobereich angesehen. Aufgrund der Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers ist lang andauerndes Sitzen allerdings auch mit Problemen verbunden: Selbst an einem in allen Belangen nach dem Stand der Technik gestalteten Büroarbeitsplatz wird ständiges Sitzen ohne Haltungswechsel in Abhängigkeit von der Konstitution der jeweils tätigen Person aber früher oder später zu Beeinträchtigungen und Beschwerden führen. Neben der Schaffung optimaler Arbeitsbedingungen besteht ein weiteres, wesentliches Ziel der ergonomischen Arbeitsgestaltung daher darin, statische Körperhaltungen zu vermeiden und die Bewegung am Arbeitsplatz zu fördern. Neben den bereits angesprochenen Maßnahmen zur individuellen Verhaltensprävention sind in jüngerer Zeit alternative Arbeitsplatzkonzepte diskutiert worden (vgl. hierzu schon Berquet, 1991).

Im Rahmen eines kürzlich abgeschlossenen Forschungsprojektes des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswissenschaft und Organisation, das von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin angeregt und gefördert worden war, wurden die Präventionspotentiale alternativer Sitzgelegenheiten (Hochsitzer, verschiedene Formen von Pendelstühlen, Sitzball, Kniestuhl) mit herkömmlichen Bürodrehstühlen nach DIN 4551 sowie von Sitz-Stehkonzepten (verschiedene Formen von Stehpulten, Steh-Sitzarbeitstisch mit extremem Höhenverstellbereich) im Vergleich zu einem herkömmlichen Sitzarbeitstisch nach DIN 4549 untersucht (Wittig, 2000). Die Abbildungen 2 und 3 ordnen die verschiedenen Konzepte ein und geben einen Überblick.

Das Untersuchungsdesign berücksichtigte nicht nur den Vergleich des alternativen Möbels zum jeweils herkömmlichen, sondern kombinierte auch alternative Sitz- mit Steh-Sitzkonzepten. Zur Anwendung kamen unterschiedliche Analysemethoden, die von Messungen der Wirbelsäulenbelastung (z. B. anhand der Wirbelsäulenflexion), über Messungen von Muskelaktivitäten des unteren Rückens und der Schulter-Nackenmuskulatur, Multimomentstudien zur Aufzeichnung der Körperhaltungen bis hin zu subjektiven Einschätzungen der wahrgenommenen Belastungs-Beanspruchungssituation anhand von Fragebogenverfahren reichten. Die Untersuchungen bestanden aus mehreren, kombinierten Feld- und Laborforschungsreihen. An den Felduntersuchungen beteiligten sich Mitarbeiter aus vier Unternehmen, die der Banken-, Versicherungs- und Dienstleistungsbranche angehören. Insgesamt setzte sich die Stichprobe aus 42 Probanden zusammen.

Abbildung 2: Einordnung alternativer Sitz- und Sitz-Stehkonzepte zur Förderung der Bewegung

Abb. 2: Einordnung alternativer Sitz- und Sitz-Stehkonzepte zur Förderung der Bewegung

Die Ergebnisse zeigen, dass alternative Sitzgelegenheiten die muskuloskeletale Belastungs-Beanspruchungssituation im Vergleich zu einem Bürodrehstuhl nach DIN 4551 nicht generell günstig beeinflussen. Kniestühle, Pendelstühle und insbesondere auch der Sitzball wurden von den meisten Nutzern nach kurzer Zeit nicht mehr akzeptiert und in der Folge auch nicht mehr genutzt. Einzig der Hochsitzer wurde (verglichen mit den anderen alternativen Sitzgelegenheiten) positiv bewertet. Dessen Einsatz ist an herkömmlichen Arbeitstischen im Bürobereich aber nur unter Einschränkungen möglich. Unter Berücksichtigung der Körpermaße des Menschen ist der Verstellbereich von Arbeitstischen, die der DIN 4549 genügen, für mindestens 50 % aller Bürobeschäftigten viel zu gering. Nicht höhenverstellbare Arbeitstische mit Tischhöhen von 720 oder 750 mm sind für Hochsitzer in jedem Fall unbrauchbar. Die Verwendung eines Hochsitzers erfordert daher Arbeitstische, deren Verstellbereich deutlich größer sein muss als der in der DIN 4549.

Abbildung 3: Balans-Sitzmöbel, Pendelstuhl, Sitzball und Stehpult

Abb. 3: Balans-Sitzmöbel, Pendelstuhl, Sitzball und Stehpult

Auch die meisten untersuchten Steh-Sitzkonzepte weisen gegenüber dem herkömmlichen Sitzarbeitstisch mit Bürostuhl keine unmittelbar festzustellenden Vorteile auf: Günstige Effekte auf die muskuloskeletale Belastungs-Beanspruchungssituation waren insgesamt statistisch nicht nachweisbar. Von allen alternativen Steh-Sitzkonzepten wies aber der Arbeitstisch mit extremer Höhenverstellung (sogenannte alternierende Steh-Sitzarbeit, vgl. Abb. 2), an dem also sowohl im Stehen wie im Sitzen gearbeitet werden kann, das größte Potential zur Unterstützung der Bewegung auf: Während die anderen Steh-Sitzkonzepte pro Tag nur zwischen 3 und 5 mal benutzt wurden und die Nutzungsdauer bei den Stehpulten durchschnittlich nur 5 Minuten betrug und maximal 15 Minuten lang war, lagen die Werte für den extrem höhenverstellbaren Steh-Sitzarbeitstisch hingegen um den Faktor 6 (durchschnittliche Nutzungsdauer) und 4 (maximale Nutzungsdauer) höher. Nur für dieses Arbeitsmöbel äußerten die meisten Befragten den Wunsch zur Weiternutzung.

Zusammenfassend zeigte sich, dass Stehpulte in vielen Fällen zu einer zusätzlichen Ablagefläche verkümmern. Von einer Förderung der Steh-Sitzdynamik, die der Bewegungsarmut und Zwangshaltungen als Risikofaktoren für Muskel- und Skeletterkrankungen entgegenwirken würden, kann nach den Untersuchungsergebnissen für den durchschnittlichen Nutzer nicht ausgegangen werden. Die zur Prävention von Muskel- und Skeletterkrankungen notwendige Bewegung in Form von alternierender Steh-Sitzarbeit lässt sich aber durch einen extrem und leicht höhenverstellbaren Arbeitstisch erreichen, an dem sowohl im Stehen als auch im Sitzen gearbeitet werden kann. Allerdings muss kritisch angemerkt werden, dass eine sinnvolle Verteilung der Arbeitsaufgaben, die sitzende, stehende Tätigkeiten und Bewegung kombiniert (Bildschirmarbeit, unterbrochen durch Telefonieren im Stehen, Gang zum Kopierer und Kopieren im Stehen ....), hier ein zumindest ebenso hohes Präventionspotential zu besitzen scheint. Entsprechende Maßnahmen sind seit mehr als 10 Jahren bekannt und unter dem Begriff "Mischarbeit" in vielen Untersuchungen beschrieben worden. Gleichwohl zeigen die bisherigen Untersuchungsergebnisse auch, dass Stehpulte oder alternative Sitzmöbel dann sinnvoll eingesetzt werden können, wenn die Nutzer entsprechend sensibilisiert sind (z.B. durch eigene Rückenbeschwerden). Hier wird deutlich, dass neben der Verhältnisprävention (Bereitstellen des Stehpultes) auch eine gezielte Verhaltensprävention notwenig ist (Förderung der Bereitschaft zur Nutzung des Angebots) damit die Steh-Sitzdynamik tatsächlich gefördert wird.

nach oben

4. Literatur

Berquet, K.-H.: Konventionelles oder alternatives Sitzen? In: Deutsches Ärzteblatt 88 (1991) 3, S. 1 - 7.

Schwaninger, U., Thomas, C., Nibel, H., Menozzi, M., Läubli, T. und Krüger, H.: Auswirkungen der Bildschirmarbeit auf Augen sowie Stütz- und Bewegungsapparat. Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz, Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW, 1991.

Troll, L.: Die Arbeitsmittellandschaft in Deutschland im Jahre 1999. In: W. Dostal, R. Jansen, K. Parmentier (Hrsg.): Wandel der Erwerbsarbeit: Arbeitssituation, Informatisierung, berufliche Mobilität und Weiterbildung, S. 125 - 150. Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit. Nürnberg, 2000.

Wittig, T.: Ergonomische Untersuchung alternativer Büro- und Bildschirmarbeitsplatzkonzepte Bremerhaven: Wirtschaftsverl. NW 2000. (Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Forschung, Fb 878)

Zoike, E.: Krankheitsarten 1997. Essen: BKK Bundesverband, 1999.

DIN 4549: Büromöbel, Schreibtische, Büromaschinentische und Bildschirmarbeitstische, Maße. November 1982

DIN 4551: Büromöbel - Bürodrehstühle und Bürodrehsessel - Sicherheitstechnische Anforderungen. Juni 1988

Kontakt 

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Informationszentrum
Postfach  17 02 02
44061 Dortmund

Tel. 0231 9071-2071
Fax 0231 9071-2070